3.1 Reflexion und Vermittlung
Das im vorherigen Kapitel skizzierte Bild der Subjektivität zeichnete diese aus der Perspektive der Kybernetik als einen Mechanismus zweier interagierender Programme, nämlich Denken und Wollen. Damit wurde aber stillschweigend vorausgesetzt, daß der Philosoph der Kybernetik überhaupt im Stande ist, sowohl an sich selbst wie am anderen Beobachtungen zu vollziehen, die ihn hinreichend berechtigen, Aussagen über intrasubjektive Vermittlungsstrukturen der beschriebenen Art zu treffen. Die Frage, die sich aufdrängt, läßt sich in zwei grundlegende Teile aufspalten. Ein wichtiges Problem, das oben bereits kurz angeklungen ist, dreht sich um die Legitimation bzw. Fundierung auf der Günther seine Konzeption von Subjektivität entwickelt. So ließe sich beispielsweise kritisch einwenden, daß innerhalb seines Entwurfs jegliche physiologische, psychologische, anthropologische, soziologische und politische Deskription fehlt, derer es erst bedürfe, ein Bild von Subjektivität zu zeichnen, das Anspruch auf Gehör verdiene. Anders gewendet: Muß der homo faber, der sich um den technischen Nachvollzug subjektiver Fähigkeiten im Robot bemüht, nicht zuerst ein dezidiertes und entsprechendes Bild von dem Gegenstand besitzen, den er abbilden will, muß nicht die Empirie vorgängig Ergebnisse liefern, auf die eine Kybernetik der Subjektivität aufbaut?
Die hier aufgeworfene Frage zielt also auf das Sammeln von empirischen Daten und ist insofern, hinsichtlich des Beobachterstatus', relativ unverfänglich, da dies auf dem Boden geläufiger Objektivierung zu bewältigen ist. Immer unter der Prämisse, daß als Objekt hier das objektive Subjekt zu verstehen ist. Kompliziertes gestaltet sich das Problem jedoch, wenn es darum geht, Aussagen zu treffen über Eigenschaften, die als exclusiver Bewußtseinsraum allein dem subjektiven Subjekt, d.h. dem Beobachter selbst zugänglich sind. Dieses Phänomen aber begegnet in der Reflexion, wenn sie hier in einer ersten Bestimmung im Gegensatz zur bloßen Kognition als ein kognitiver Akt mit distinktem Referenzrahmen gefaßt werden soll, oder anders, als erlebter Sinn oder im Bewußtsein (Selbstbewußtsein) innegewordene Bedeutung."1 Die Antwort auf dieses Problem muß gemäß der Vielschichtigkeit der Frage auf mehreren Ebenen erfolgen.
So läßt sich zunächst feststellen, daß das Konzept einer distribuierten Subjektivität zunächst einer vulgär-empirischen Deskription entspricht, spiegelt sich hierin die alltägliche Erfahrung wider, in der Individuen anderen Individuen begegnen, und zwar so, daß ihnen gegenseitig bestimmte Bewußtseinsräume und -inhalte des anderen verschlossen bleiben. Stellt man nun die Möglichkeit einer solchen Erfahrung in skeptisch-solipsistischer Manier grundsätzlich in Frage, so hält Günther dem entgegen, daß die Erfahrung des Anderen darauf beruhe, daß das Ich in der Selbstreflexion einen Akt vollzieht, in dem es die Fremd-Reflexion [...] als fremde Selbst-Reflexion anerkennt."2 Diese Anerkenntnis des Anderen vollzieht sich nun nicht nach Art des barocken Analogieschlusses, sondern ist vielmehr eine geforderte. Das Ich erkennt das Du trotz seines Objektcharakters als ebenbürtige Subjektivität an, weil sein eigener Anspruch im Verhalten des Du zu ihm bestätigt ist."3 D.h. die Notwendigkeit der Anerkenntnis der Subjektivität des anderen ergibt sich aus der Unmöglichkeit, in der das Ich gefangen ist, sich seiner eigenen Subjektivität selbst gewiß zu werden. Denn wenn das Ich die subjektive Selbst-Gewißheit seines Denkens nie auf das Du übertragen kann und von dem Du dasselbe gilt, dann erstreckt sich diese Unübertragbarkeit auch auf jenes Moment der Wahrheit, das als Erlebnisevidenz an die private Introszendenz des isolierten Subjekts angeschlossen ist."4 Entscheidend hierbei ist, daß die Evidenz der Selbstgewißheit sich nicht mehr auf die Cartesische Introspektion des `cogito' gründet, daß Evidenz gerade nicht mehr als das unmittelbare Gewißwerden des Subjekts vor sich selber gesehen wird, sondern stets als vermittelte auftritt. Diese Vermittlung ließe sich so denken, daß alles Bewußtsein sich nur in der Vermittlung durch das Sein versteht, also einzig im Durchgang durch das Gegensatzverhältnis von Positivität des Seins und seiner Negation im Denken zu sich selbst kommt. In Günthers Reflexionstheorie tritt jedoch an die Stelle der Seinsthematik der klassischen Metaphysik die Sinnthematik, insofern die klassisch-zweiwertige Logik, welche ihre Interpretation von Position und Negation nur in Koinzidenz mit dem Sein als 'wahr' und 'falsch' vollziehen konnte, im trans-klassischen Denken überführt wird in die Trias von irreflexiv, reflexiv und doppelt reflexiv. D.h. konnte unter zweiwertigem Denken nur ein einfaches logisches Gefälle vom Sein zur Reflexion"5 erfaßt werden, tritt an diese Stelle ein ausgedehntes System von reflexiven Tiefenschichten, die von der starren Irreflexivität des seinsthematischen Begriffs zur einfachen sinnthematischen Reflexion und von da zur doppelthematischen Vollreflexion des denkenden Ichs führen."6 Mit der Substitution des Seins durch den Sinn ist aber wieder ein Gegensatzverhältnis konstituiert, da Sinn reflexionstheoretisch nichts anderes meint, als die Selbstreflexion der totalen Negation"7, d.h. dem Selbstbewußtsein als Gegensatz/Negation zur Positivität des objektiven Seins tritt in der Reflexion auf dieses hin seine eigene Negation entgegen. Sinn konstituiert sich somit als eine Reflexion zweier Bewußtseinsmomente, die einander in einem totalen Negationsverhältnis gegenüberstehen. Das heißt aber: Sinn ist keine Identität, sondern ein Gegenverhältnis (Korrelation) zweier unselbständiger Sinnkomponenten, von denen jede die andere als totale Negation ihrer eigenen reflexiven Bestimmtheit enthält."8 Damit aber erhellt sich der oben zitierte Satz, wonach die Selbstgewißheit als Erlebnisevidenz nicht in der Isolation des Subjekts aus sich heraus generiert werden kann. Denn ergibt sich Sinn nur aus der Reflexion-in-sich-und-Anderes"9, so gilt dies in gleichem Maße für das subjektive Subjekt, wenn es sich als ein solches bewußt werden will. Gemäß des Satzes vom reflektierten Gegensinn, wie Günther dieses reflexionstheoretische Axiom nennt, demzufolge kein Sinnmotiv sich anders auffassen läßt, als ein geschlossener Reflexionskreis, der seine eigene Negation durchläuft"10, muß das Selbst des subjektiven Ich, um zu seinem eigenen Begriff zu gelangen eben jenen Kreis der Negation abschreiten. Hierbei stößt es aber notwendig auf seine thematische Inversion"11, das objektive Du, also das Subjekt, das als Objekt, die totale Reflexion-in-sich, die als Sein gedacht wird."12
Ist somit das Du des Anderen als notwendig deduziert, so zeigt der Gang der Argumentation, daß Günther die Voraussetzungen seiner kybernetischen Theorie der Subjektivität hinsichtlich des Problems der grundsätzlichen Konstitution des Anderen eindeutig transzendentallogischen berlegungen entnimmt. Mag dies auf den ersten Blick überraschend erscheinen, so sei an den mit Emphase formulierten Satz im Bewußtsein der Maschine erinnert: Die Problematik des transzendental-dialektischen Idealismus kehrt heute in der Kybernetik wieder."13 Wie sich Günthers Verhältnis zur Transzendentallogik gestaltet und inwieweit ein Blick hierauf gerade angesichts der oben angeführten Kritik hilfreich sein kann, sei kurz skizziert.
Seit Kurt Gödels berühmten Aufsatz in den Monatsheften für Mathematik und Physik ist für logische Systeme die Transzendenz ihrer Widerspruchsfreiheit aufgewiesen, was soviel bedeutet, daß es prinzipiell unmöglich ist, die Leibniz-Logik - so weit man ihre Verallgemeinerung auch treiben mag - als Abbildung der logischen Einheit des Selbstbewußtseins zu entwickeln, weil für jede Allgemeinstufe, die sie erreicht, jederzeit zwei sich widersprechende Sätze benennbar sind, derart, daß weder der eine noch seine Kontradiktion bewiesen werden können."14 Ist jedoch das Ziel einer Logik, daß sie die definitive Struktur des reinen Denkens abbilden will"15, so muß eine solche Logik auch ihre eigenen Struktureigenschaften innerhalb ihrer Operationalität behandeln können, was nach Gödel innerhalb eines logischen Systems erster Stufe nicht mehr gewährleistet ist. D.h. das 'erste System der Logik' stellt [...] nur die Relationen der theoretischen Bewußtseinsinhalte untereinander und nicht die Beziehungen derselben auf die logische Einheit des Ichs fest."16 Ist also die Reflexion strukturell in einer Logik erster Stufe prinzipiell nicht abbildbar, insofern diese nur auf der Ebene eines von ihren eigenen Gesetzlichkeiten unterschiedenen Objektbereichs funktionstüchtig ist, erwächst die Forderung nach einer weiteren Logik, innerhalb derer die erstere selber wieder als Gegenstand der Reflexion erscheint. Erst ein solches System zweiter Stufe wäre imstande, auch die Struktureigenschaften des Systems erster Stufe zu reflektieren. Damit also ist die Transzendallogik, die das Subjekt des ersten Kalküls - also die Leibnizlogik - zum Gegenstand einer neuen logischen Problematik"17 erhebt, als notwendig legitimiert, um die komplexe Struktur der Reflexion über ihr operationales Funktionieren innerhalb des Objektbereichs hinaus auch in der Bezüglichkeit auf das Selbstbewußtsein hin abzubilden. Es erhebt sich die Frage, ob dieses System zweiter Stufe tatsächlich ein transzendentales System darstellt, oder ob es als bloßes Meta-System selber wiederum dem Diktum Gödels untersteht. Damit wäre es nur ein System einer unendlichen Kette folgender Metasysteme, ohne den Anspruch einlösen zu können, die Struktur des objektiv nicht gebundenen Denkens, d.i. die reine Reflexion, in ihrem Verhältnis zum Selbstbewußtsein adäquat abbilden zu können. Daß dem jedoch nicht so ist, wird deutlich, wenn man darauf sieht, daß die Unvollständigkeit logischer Systeme ja gerade innerhalb der Transzendentallogik entwickelt wurde. Die Strukturgesetzlichkeit der Logik erster Stufe wurde in der Logik zweiter Stufe thematisiert, das Funktionieren ihrer Prinzipien wurde im transzendierenden System zum Gegenstand. Was aber Gegenstand einer Logik ist, kann nicht Prinzip dieser selben Logik sein. Also gilt für die Transzendentallogik der Grundsatz der Immanenz der Widerspruchsfreiheit, womit sich diese Logik als definitives, nicht mehr zu überbietendes System des logischen Bewußtseins erweist."18
Ist hier die Rede von einem höchsten System des logischen Bewußtseins, so darf dies nicht dazu verleiten, ein wie auch immer geartetes absolutes, oder transzendentales Subjekt im Kantischen Sinn zu erwarten. Ausdrücklich stellt Günther fest, daß die Notwendigkeit einer transzendentallogischen Perspektive nicht bedeutet, daß die Einzelsubjekte in einem metaphysisch hypostasierten Universalsubjekt koinzidieren, wobei jenes letztere der 'eigentliche' Träger der logischen Operationen ist."19 Die transzendentallogische Perspektive geht also nicht von einem absoluten Punkt aus, das Absolute, sei als Hypostase eines theoretisch geforderten Standpunktes, sei es als letzter Bezugsrund von Sein und Denken, soll als philosophisches Hilfskonstrukt entlarvt und ein für alle mal zu den Akten der Geistesgeschichte gelegt werden. Denn diese transzendente Identität von Denken und Sein° ist nur die metaphysische Idee dieses Lebens, jedes konkret-empirische Bewußtsein dagegen sieht sich auf allen Seiten durch einen unüberschreitbaren Abgrund von seiner eigenen Erfüllung und endgültigen Realität getrennt und eingekerkert in die enge Zelle kreatürlich-besonderer Subjektivität. Das Absolute und seine unendliche, ewige Wahrheit stehen dem Menschen unerreichbar fern mit der ganzen geheimnisvollen Fremdheit magischer Transzendenz."20
Tanszendentallogik, d.h. die logische Durchdringung der Struktur der Reflexion in ihrer Beziehung zum Bewußtsein, erscheint bei Günther als die abschließende Stufe innerhalb der reflexionstheoretischen Konzeption des Selbstbewußtseins. Klassisch, d.h. ungebrochen und unhinterfragt bis zum Einsetzen des Kritizismus, wurde in zwei Bewußtseinsstufen unterschieden. Zunächst erscheint danach das sich selbst nicht bewußte, unmittelbare Bewußtsein von den Dingen, die sinnliche Gewißheit also, wie sie als direkte, abbildhafte Erfahrung des umgebenden Seins in demokritischer Manier gefaßt werden kann. Die zweite Stufe stellt dann den Reflex dieser ersten dar, hier also kann allererst im vollen Sinne des Wortes von Bewußtsein gesprochen werden, es ist die Stufe des einfach reflektierten Bewußtseins, die mithin als zweite Reflexion des Seins und als erste Reflexion des Bewußtseins auf sich selbst zu kennzeichnen wäre."21 Auf dem solcherart bereiteten reflexionslogischen Boden ist die trinitarische Axiomatik"22 formuliert, wie sie sich mit dem Satz der Identität, vom Widerspruch und dem TND darstellt. Erst mit Kant, insbesondere aber mit der Großen Logik und der Phänomenologie des Geistes setzt eine weitere Stufung an, die als doppelt reflektiertes Bewußtsein auf die erste Reflexion des Bewußtseins" selber wieder Bezug nimmt. Das Problem, das hierbei dem gesamten spekulativen Idealismus erwuchs, war die infinite Iterierbarkeit, in der sich das Selbstbewußtsein Schritt für Schritt als Gegenstand seines Denkens gegenübertrat, oder anders gewendet, die in der Unendlichkeit der Meta-Ebenen angelegte Unmöglichkeit, die Identität des Bewußtseins mit sich selbst zu erweisen.
Diese schlechte Unendlichkeit des unglücklichen Bewußtseins läßt sich aber auffangen und ist in dem Moment ihrer aporetischen Kraft benommen, in dem sie thematisiert wird. Damit nämlich wird die unendliche Reflexionstiefe selber zum Gegenstand einer Reflexion, welche nicht wiederum als eine weitere Meta-Ebene innerhalb der unendlichen Iterationen angesehen werden darf, vielmehr stellt sie eine qualitative Erweiterung auf einer dritten Stufe dar. Wurde in der ersten Stufe auf die sinnliche Erfahrung reflektiert, welche selber die Erkenntnis des objektiven Seins vollzog, so konnten die Gegenstände der Reflexion auf der ersten Stufe nicht die Gegenstände der empirischen Erfahrung sein. Dies läßt sich dahingehend verallgemeinern, daß in jeder nächst höheren Reflexionsstufe nie die Objekte der Reflexion der niedrigeren Stufe zum Gegenstand werden können, sondern hier die Struktur der Reflexion der niedrigeren Stufe selber thematisiert wird. Bezogen auf das doppelt reflektierte Bewußtsein heißt das aber, daß die Reflexion auf die infinite Reihe der Iterationen diese Unendlichkeit der Reflexionschritte selbst wieder in einer dritten Stufe zum Objekt einer Reflexion macht, welche dann ihrerseits nicht mehr der unendlichen Reihe angehört. Der Inhalt der neuen Reflexion ist also die Idee der Totalität der infiniten Folge der Iterationen [...] Wir gewinnen mithin doch noch den Begriff einer dritten R-Stufe, die dadurch gekennzeichnet ist, daß sie sich die infinite Reihe der Iterationen, die auf die zweite R-Stufe folgt, zum Gegenstand macht und damit als ihr Thema die (objektiv) unendliche Tiefe des Selbstbewußtseins als reeller Existenz betrachtet."23
Reflektiert die dritte Bewußtseinsstufe nun nicht mehr auf irgendwelches Sein im Bewußtsein, sondern auf die Reflexion der Reflexion selber, die aber als die Negation des Seienden, mithin als Nicht-Sein bestimmt wird, so nennt Günther die Logik, die die Beschreibung der Reflexion des Selbstbewußtseins auf sich selber leisten soll, die meontische Logik.(mä on - nicht sein) Reflexion des Selbstbewußtseins auf sich selbst aber nicht im Sinne der Reflexion des Selbstbewußtseins auf seinen Objektbereich"24 wie dies bereits die erste Iteration des doppelt reflektierten Bewußtseins leistete, sondern als letzte nicht mehr iterierbare Stufe der Bewußtheit des Selbstes hinsichtlich seiner Reflexionsstruktur. Denn seine Idee wird ja nur gewonnen durch eine Reflexion auf den Iterativitätscharakter des Ichs. Die infinite Reihe aller Reflexionen ist also bloßes Objekt dieser höchsten Stufe des Bewußtseins. Die Iterativität wird dadurch, wie nicht ausdrücklich genug hervorgehoben werden kann, gegenständliches Moment am Selbstbewußtsein, d.h. ihre Identität mit dem `Selbst' durch diese Distanzierung ausdrücklich negiert."25
Erscheint die infinite Reihe aller Reflexionen als Obkekt des Selbstbewußtseins, wobei die jeweiligen Reflexionsbestimmungen selber nur solche des (objektiv) gebundenen Bewußtseins"26 sind, so erwächst die nicht mehr iterierbare Reflexion erst aus dem Gesamt aller Bewußtseinsreflexionen. Fällt also das Selbstbewußtsein seiner Idee nach mit der des Gesamts aller unendlichen Reflexionsreihen des objektiv gebundenen Bewußtseins zusammen, so besetzt das Selbstbewußtsein den Ort des transfiniten Ursprungs jeder infiniten Reflexionsreihe."27 D.h. die infiniten Reihen der Reflexion sind einerseits als Objekt des sich selbst bewußten Bewußtseins von diesem geschieden, was den Unterschied zur zweiten Reflexionsstufe ausmacht, gleichzeitig muß das Bewußtsein der dritten Stufe, also das Selbstbewußtsein, das Bild des infiniten Reflexionssystems aus sich heraus entwerfen, da es sonst nicht als die reine, nicht-objektive Reflexion der Reflexion erscheint. Insofern steht das Ich des Ichs über den objektiv gebundenen Reflexionsreihen - trans, ist aber als deren Gesamt keiner weiteren Iteration mehr fähig - finit. Das transfinite Selbstbewußtsein, oder auch die transfinite Mächtigkeit28, bedeutet die Erfassung des infiniten Objektbereichs der zweiten R-Stufe als subjektiver [...] Ganzheit".29 Transfinit hier also im mengentheoretischen Sinn der abgeschlossene Unendlichkeit. Das bedeutet jedoch nicht, daß die unter der transfiniten Mächtigkeit erfaßte zweite Reflexionsstufe ihrem objektiven Gehalt nach nocheinmal wiederholt wird, denn das wäre bloß eine weiter Iteration. Vielmehr heißt dies, daß sie als Selbstdefinition der Reflexion und damit als absolutes Verhältnis des Ichs zu sich selbst verstanden wird. In der transfiniten Mächtigkeit erfährt sich das Selbstbewußtsein endgültig als Selbst, weil es sich nicht mehr im Sein, und vermittelt durch das Sein, sondern in der reinen Reflexion selbst spiegelt und damit ein definitives Verhältnis zu sich selbst gewonnen hat. Daß aber bedeutet, daß es sich seine eigene Existenzkategorie und sein Wirklichkeitsverständnis nicht mehr vom Sein zu leihen braucht, sondern dasselbe in sich selbst besitzt."30
Es zeigt sich also, daß die Basis, von der aus Günther seine kybernetische Konzeption der Subjektivität entfaltet eindeutig eine transzendentallogische bzw., was zum Zeitpunkt von Metaphysik, Logik und die Theorie der Reflexion (1937) damit noch identisch ist, eine meontologische ist. Das bedeutet aber, daß der Weg den er beschreitet ausdrücklich dem der oben skizzierten Kritik entgegen läuft. Nicht vorgängiges Sammeln empirischer Daten und Fakten an deren Gerüst sich eine Theorie emporarbeitet, sondern umgekehrt, aus der Reflexion der Reflexion entwickelt sich das transzendentale System, das von hieraus in der Konstruktion seine empirische Konkretion erhalten soll: die denkende Maschine.
D.h. auf dieser für Günther relativ frühen Stufe ist qua Tranzendentaltheorie perspektivisch schon deutlich angelegt, was sich in seinem späteren Denken ausdrücklich Geltung verschafft, nämlich die im Zusammenhang mit der Semiotik Nietzsches bereits angesprochene konstruktivistische Haltung. Konstruktion setzt einen Konstruktionsplan voraus, und so heißt es ausdrücklich: Wir glauben aber [...] daß wir eine Theorie des Denkens haben [...] Wir haben gerade keine Theorie der `Mechanik des Denkens'. Denn hätten wir eine, dann könnten wir längst Maschinen mit hetero- und selbstreferentiellen Fähigkeiten bauen, die so denken wie wir." Haben diese aber momentan noch kein Bewußtsein des Unterschiedes zwischen ihren Denkprozessen und dem, worauf sich diese Prozesse bedeutungsmäßig beziehen"31, so stehen sie noch auf der zweiten Reflexionsstufe. In ihrer Autoreferentialität ist die Reflexion noch vollständig objektiv gebunden, die Reflexion auf diese Stufe, die allein die totale Negation, das Selbstbewußtsein zu generieren im Stande ist, ist noch nicht vollzogen.
Ist damit deutlich geworden, wie sich die reflexionslogische bzw. -theoretische Situation für das Subjekt gestaltet, so beantwortet dies jedoch nur die eine der eingangs des Kapitels aufgeworfenen Fragen. Was damit noch nicht geklärt ist, ist das Problem des Herausgangs des Reflexionssystems in die Welt, resp. umgekehrt, also das Problem der Vermittlung.
Die Frage, auf die nun eingegangen werden soll zielt somit auf Bedeutung und Bedingung der Fähigkeit, sich ein Bild von der Welt zu machen, d.h. sich von einem Gegenstand zu distanzieren, und zugleich zwischen sich, dem Gegenstand und dem Akt der Distanzierung unterscheiden zu können. Wurde dies im Vorherigen ansatzweise in der dreistufigen Klassifikation von Reflexion auf dem Hintergrund der Hegelschen Terminologie untersucht, so bietet Günther einen weiteren, tiefergehenden und in die formalen Bereiche seines Denkens weisenden Antwortversuch.
Die Frage, die oben aufgeworfen wurde, findet sich in Güntherschen Worten als das grundsätzliche Problem formuliert, wie ein im Universum bestehendes Subsystem das ganze Universum als potentiellen Bewußtseinsinhalt besitzen kann".32 D.h. ein in der Welt plazierter Beobachter muß in ein doppeltes Verhältnis zu seinem Gegenstand treten, wenn er ihn einerseits abbilden und zugleich diese Abbildung als solche erkennen und von sich unterscheiden können muß. Durch diese doppelte Anstrengung kann aber nicht nur objektiv-isoliertes Sein abgebildet werden, darüberhinaus wird zugleich der Prozeß des Abbildens selbst in dieser doppelten Reflexionsleistung thematisiert. Tritt der Reflexionsakt selbst in den Horizont, so bedeutet dies nicht die bloße Ersetzung oder Ergänzung eines Themas durch ein anderes, vielmehr vollzieht sich ein qualitativer Umbruch hinsichtlich dessen, was dem Denken nun zum Gegen-stand wird. Man hat entdeckt, daß die Reflexion begonnen hat, sich mit sich selbst zu beschäftigen, und daß der dadurch gewonnene Objektbereich sich nicht bruchlos an die bisher ausgebeutete Gegenstandsdimension anschließen laßt."33 D.h. innerhalb dessen, was den Bereich des Abbildbaren ausmacht läßt sich ein Sprung ausmachen, der Objektbereich des menschlichen Denkens erweist sich als diskontinuierlich, insofern hier etwas Thema werden kann, das sich nichtmehr dem gegenständlich beschreibbaren Bereich subsumieren läßt. Dieser Bruch quer durch die Welt der möglichen Denkgegenstände steht aber in ausdrücklichem Widerspruch zur klassischen Auffassung, die voraussetzt, daß der Begriff des logischen Gegenstandes von so unbeschränkter (unendlicher) Allgemeinheit ist, daß jedes überhaupt denkbare Objekt, sei es ein Stein oder der Satz von Pythagoras, unter ihn in gleicher Weise subsumiert werden kann."34 Wird dies von Günther aber ausdrücklich bestritten, so bildet sich mit dem innerhalb des Objektbereichs des Denkens konstatierten Abbruch zwischen irreflexiven und reflexiven Themata eine Grenze, die sich als Grenze zwischen einem Subjekt und seiner Umwelt interpretieren läßt. Denn die Reflexion, die dem Denken in der Form des Erlebnisses gegenübertritt, kann niemals etwas anderem entspringen, als dem Subjekt selbst. Reflexion als Fremdreflexion des objektiven Subjekts ist ja immer nur als Ereignis erfahrbar. Da die klassische Theorie nur eine Grenze kennt, die Grenze zwischen der sogenannten physischen und der sogenannten spirituellen Welt, kann sie zwischen den beiden Bereichen keine Verbindung herstellen, ohne ihre Prinzipien zu verletzen. Denn wenn es nur zwei Bereiche geben darf, die sich völlig disjunkt gegenüberstehen, muß darüberhinaus ein dritter Bereich als Träger der Vermittlung ausgeschlossen bleiben. Der klassische Ausweg aus diesem Dilemma ist die sich im Absoluten vollziehende coincidentia oppositorum des Cusaners, die zwar garantiert, daß Denken und Sein miteinander zur Deckung gebracht werden, wovon aber, da sich dieser Prozeß in einem unerreichbaren Außen vollzieht, im Diesseits nichts gewußt werden kann. Auf Günther Einschätzung des Absoluten als Obdachlosenasyl wurde bereits hingewiesen, und es empfielt sich dem Ausweg nachzuspüren, der mit dem von ihm markierten qualitativen Bruch innerhalb der Objekte des Denkens angelegt ist. Denn wenn ein Sprung innerhalb der Gegenstandsdimension der Reflexion auftritt, ohne daß dadurch seiner Radikalität Abbruch getan wird, so kann nicht nur mit einer Vielzahl von Bereichen gerechnet werden, sondern es wird auch genügend Raum eröffnet, um die Bereiche miteinander zu vermitteln. In der klassischen Logik wurde die Dualität von Denken und Sein dahingehend wiederholt, als sie den beiden Bereichen die sich jeweils negierende Werte von Positivität und Negativität zuordnete. Dies in der Form, daß der sich von der Realität abstoßende Reflexionsprozeß dem negativen Wert entsprach, der positive Wert hingegen das Sein designierte. Ausgehend von diesen zwei Motiven, die sich wie Spiegelbilder gegenüberstehen, hat jede Entscheidung für eines von beiden zur Folge, daß das jeweils andere negiert werden muß, bzw. in den Hintergrund gedrängt wird. Seinen höchsten Ausdruck hat diese Dichotomisierung in den inversen Auffassungen von Idealismus und Materialismus gefunden. An dieser Stelle aber taucht ein für Günther grundlegender Begriff auf, den er in ausführlicher Zitation Reihold Baer verdankt. Es handelt sich um die strukturale Identität von Position und Negation, die von Bär als Isomorphie bestimmt wird. Danach wird als Isomorphismus eine solche umkehrbare eindeutige Zuordnung der Dinge eines Systems zu den Dingen eines anderen Systems, der Relation zwischen den Dingen des ersten Systems zu denen des zweiten Systems verstanden, daß Dingen des ersten Systems, die eine der einschlägigen Relationen erfüllen bzw. nicht erfüllen, solche Dinge des zweiten Systems zugeordnet sind, die die zugeordnete Relation erfüllen, bzw. nicht erfüllen."35 Konkret bedeutet dies für das Verhältnis von Position und Negation: Jede Aussage ist zwar von ihrer Negation verschieden, aber es besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen positiven und negativen Aussagen, sogar schärfer zwischen einer Aussage und ihrer Negation."36 Affirmation und Negation stehen sich also wie Spiegelbilder gegenüber, und aufgrund dieser symmetrischen Struktur ergeben sich zwei isomorphe Systeme, die zwar einander inhaltlich widersprechen, die jedoch strukturell gesehen identisch sind, wie Günther dies im Fall von Idealismus und Materialismus konstatiert. Insofern ist es innerhalb dieser isomorphen Struktur gleichgültig welches der Systeme bevorzugt wird, da durch Negation das jeweils andere erzeugt werden kann. Das Verhältnis von Positivität und Negativität kann somit als symmetrisches Umtauschverhältnis beschrieben werden, und mithin besteht kein zwingender Grund an der von der Tradition festgelegten Zuordnung hinsichtlich Denkens und Sein festzuhalten. Wenn die Negation als die subjektive Denkarbeit verstanden werden kann, so deshalb, weil die Fähigkeit des Subjekts, sich qua Reflexion als das grundsätzlich andere gegenüber der Welt zu bestimmen, soviel bedeutet, wie diese zu negieren. Die Welt ist das Nicht-Ich. Soll aber nun auf dem Boden der klassischen Dualität von Position und Negation, wobei letztere als auf sich selbst angewandte wieder zur Position zurückkehrt, der Prozeß des sich Abstoßens von der Welt beschrieben werden, so stellt die klassische Logik hierfür keine neue Negationsform zur Verfügung, sondern bietet nur die, die schon für die erste Abbildung von Sein im Denken benutzt wurde. Das Thema also, das mittels der klassischen Logik dargestellt werden kann, ist das Parmenideische, sich selbst gleiche, unmittelbare Sein-überhaupt"37, wobei dieses immer schon als fertiges, vorgegebenes gedacht ist. Das Subjekt nun kann sich zwar im objektiven Sein spiegeln, jedoch ohne daß es dadurch über seine Subjektivität, d.h. seine Fähigkeit Abbilder zu produzieren, etwas in Erfahrung bringen kann. Der Prozeß der Abbildproduktion kann nicht in gleicher Weise beschrieben werden wie die objektiv gegebenen Gegenstände, da er als Prozeß niemals zum Stillstand kommt. Er kann also nicht als vordenklich gegebenes Sein betrachtet werden, das dem Denken äußerlich wäre, und muß daher, um im Rahmen klassischen Denkens überhaupt beschreibbar zu sein, als objektives Sein gesetzt werden. Dieses Gesetztsein kann jedoch mit den zwei Werten der klassischen Logik nicht mehr bewältigt werden, denn der positive Wert designiert hier allein das gegebene Sein-überhaupt. Die einfache Alternative zwischen Subjekt und Objekt erlaubt nicht zwischen gegebenen und gesetzten Objekten zu unterscheiden, denn die Struktur der klassischen Logik reicht nicht aus um diese zweite Thematik des Denkens darzustellen, womit das Subjekt zwangsläufig als Pseudo-Objekt thematisiert werden muß. Die Spiegelung des Subjekts im objektiven Sein verhindert wegen ihrer strikten Symmetrie, daß sich das Subjekt anders als objektiviert wahrnehmen kann, es `sieht' sich also in diesem Widerschein nicht, es sieht immer nur `das Andere'."38
Innerhalb der klassischen Logik führt nun das Fehlen einer neuen, dem zweiten Thema des Denkens entsprechenden Negationsform dazu, daß die Prozessualität des Abbildens in immer höhere Metäbenen des unglücklichen Bewußtseins verschoben wird. Dabei wird auf die nderung innerhalb der Struktur des neu in den Blick tretenden Objektbereichs keine Rücksicht genommen, sondern in Ermanglung Besseren wird der Prozeß der Reflexion vergegenständlicht, und mit den gleichen Gesetzen behandelt, die für die Bewältigung des irreflexiven Seins zuständig und hinreichend waren. "Und da die Hierarchie der Metasprachen einen unendlichen Regreß darstellt, ist man sicher, daß man nie das subjektive Bewußtsein erreicht, das spricht."39
Für das subjektive Bewußtsein ist aber ist das Verhältnis zu seiner Umwelt dadurch bestimmbar, daß das Subjekt dieser Umwelt auf drei unterschiedliche Zugangsweisen habhaft wird". Dies insofern, als das Subjekt im Stande ist, diese Umwelt qua Umwelt in sich abzubilden und zwischen:
zu unterscheiden."40
Die Unterscheidung zwischen dem abbildenden Subjekt und der abgebildeten Objektsphäre vollzieht Günther anhand der Ausdifferenzierung von System und Umwelt, wonach gilt: das, was in einem System ohne Umwelt beschrieben wird, wird als `objektiv' gedeutet, und das, was sich nur in einem System, das eine Umwelt besitzt, beschreiben läßt, soll als `subjektiv' interpretiert werden."41 Systeme mit Umgebung, also subjektive Systeme, sind nun nicht im Sinne irgendeines beliebigen ontologischen Datums zu verstehen, das in einem umgebenden Raum markiert werden kann. Der Stein hat `an sich' eine Umgebung, aber nicht `für sich'. `An sich' ist aber äquivalent mit `für uns'. D.h. wir können dem Stein, wenn wir so wollen, eine Umwelt zuschreiben, aber er kann sie sich nicht selbst zuschreiben."42 Somit erscheint als System ohne eine Umwelt einzig das Universum, während sich Systeme mit einer umgebenden Umwelt beliebig viele vorstellen lassen. Dieser Bereich beinhaltet, in Anlehnung an Hegel formuliert, sowohl das Phänomen der subjektiven (Ich) und objektiven (Du) Subjektivität (subjektiver Geist) als auch der Objektivität, die subjektive Verhaltenszüge aufweist (objektiver Geist)."43 Der Prozeß, in dem das Subjekt die Umwelt in sich abbildet, generiert nun einen Bereich, der der klassischen Logik verborgen bleiben mußte, insofern diese allein zwischen Subjekt und umgebender Objektivität unterschied, womit das Abbildungsverhältnis selbst nicht in den Blick kommen konnte. Gibt es aus dieser Perspektive nur zwei Bereiche, die sich gegenseitig vollständig ausschließen, so wird damit sträflich von den logischen Bedingungen unseres Erlebens" abgesehen, die dazu zwingen, ein und dasselbe Sein unter zwei Aspekten zu betrachten."44 Denn wenn Abbildung von Welt neben dem denkenden Subjekt und der zu denkenden Welt eben auch noch die Welt als aktual gedachte bedeutet, dann wird offensichtlich, daß es einen Sinn hat, die Welt als objektive Existenz und als subjektiven Bewußtseinsinhalt zu unterscheiden."45
Die zweiwertige Logik kann nur das mit sich selbst identische Objekt begreifen, wobei sie aber zur Bewältigung ihrer Monothematik genau zwei Werte benötigt, da jeweils immer nur ein Wert als der designierende auftreten kann. Die beiden Werte stehen - im Anschluß an die Überlegungen Reinhold Baers - in einem wechselseitigen Umtauschverhältnis, womit wir immer ein und diesselbe Weltbeschreibumg erhalten, gleichgültig welchen Wert wir wählen, um das Objekt zu designieren."46 Einzig ist es gemäß des Gesetzes vom verbotenen Widerspruch unmöglich, beide Werte gleichzeitig als designierende aufzufassen. Gilt es nun aber die Welt nicht mehr als objektive Existenz, sondern als Bewußtseinsinhalt mithilfe des beschriebenen logischen Instrumentariums zu bewältigen, so zeigt sich, daß wir zwar die Welt als objektive, ich-transzendente Realität und reflexionslose Existenz mit einem Wert designieren können, während wir zwei brauchen, um sie zu denken, d.h. als vorgestelltes Bild zu entwickeln."47 Was für die Beschreibung der Objektivität problemlos zu handhaben war, nämlich die Designation der Irreflexivität mit einem Wert, von dem sich der andere als das Andere des Denkens in Form der Negation unterschied, wirft nun unüberwindbare Schwierigkeiten auf. Denn tritt jetzt als neuer Denkgegenstand die Welt als Bewußtseinsinhalt auf, so kann sie als Abbild der Welt nicht mehr von nur einem Wert designiert werden, da sie sonst von ihrem objektiv existenten `Urbild' nicht zu unterscheiden wäre. Auf der anderen Seite kann sie nicht von beiden Werten gleichzeitig designiert werden, da diese sich zueinander negational verhalten, weil sie auf dem Boden der Wertlogik immer als die sich widerspechenden Werte von positiv und negativ gedacht werden. In anderen Worten: ein O-System kann widerspruchfrei dargestellt werden, ein S-System hingegen nicht."48
Am Punkte dieser offensichtlichen Aporie vollzieht Günther nun die entscheidende Wende. Der Widerspruch von Positivität und Negation läßt sich aus keiner Beschreibung eines Wirklichkeitzusammenhanges, der Objekt und Subjekt gleicherweise umfaßt, eliminieren. Es wäre töricht, das auch nur versuchen zu wollen. Wir geben deshalb die These von der Identität des logischen Formalismus mit Wertformalismus von Positivität (wahr) und Negation (falsch) auf."49
Damit ist eine Erweiterung der Logik in Gang gesetzt, die einer Generalisierung derselben entspricht und die darauf zielt, hinter den Werten Strukturen aufzudecken, die komplex genug sind, um eine Formalisierung der Reflexionsphänomene zu leisten. Dieses `dahinter' ist durch die Abstraktion von den Werten zu erreichen und kann als Leerstruktur des Funktionierens logischer Operationen verstanden werden. Mit der Aufgabe des Wertprinzips ist jetzt das Niveau eines tiefer liegenden und allgemeineren Formalismus erreicht, weil aus ihm auch das Letzte entfern worden ist, was sich auf den kontingent-objektiven Charakter der Welt bezieht, nämlich der faktische Eigenschaften designierende logische Wert."50 Hier muß nun die formale Arbeit am Kalkül einsetzen, der nun nicht mehr illustrativen Charakter für theoretische Konstruktion hat, sondern jenseits der einfachen Abbildungsfunktion auch eine kreative Komponente besitzt. Formalismus entspricht also nicht einem schlichten Reglement, wenn er in seiner doppelten Funktionsweise zugleich als fundierend und als kreierend verstanden werden muß.
Den Übergang von der klassischen Wahrheitstafel zu einem transklassischen Formalismus vollzieht Günther, indem er neue Symbole einführt. Eliminieren wir nun aus den Tafeln (Ia) und (IIa) die dort verwendeten Werte `W' und `F' und setzen wir stattdessen unsere neuen Symbole ein, die lediglich anzeigen sollen, daß in den korrespondierenden Leerstellen der eine oder der Wert stehen kann , dann erhalten wir zwei neue Tafeln abstrakter Platzordnungen oder Leerformen, die alle eine spezifische Gestalt besitzen."51
Entscheidend hierbei ist, daß die neu verwendeten Symbole nicht als Platzhalter einer festgelegten Inhaltlichkeit fungieren, sondern als Leerstellen verstanden werden müssen, die entweder besetzt werden können oder leer bleiben, und die, wenn sie besetzt werden entweder mit dem einen oder mit dem anderen Wert belegt werden. Einzig zeigt das Auftreten zwei verschiedener Symbole eine verschiedene Belegung, während gleiche Symbole gleiche Belegung bedeutet. Um diesen Unterschied zu den klassischen Wertfolgen, die ja immer substantielle Besetzungen darstellen, deutlich herauszustellen, gibt Günther der einzelnen Leerstelle den Namen Kenogramm (Griech. kenos = leer) und die Leerstruktur, also die Abfolge mehrerer Kenogramme wird als Morphogramm definiert. Ist die klassische Logik mit ihren sechszehn Permutationen der Wertetafel vollständig, da sämtliche mögliche Verteilungen damit durchgeführt sind, so muß die Frage einer Vollständigkeit hinsichtlich aller möglichen Verteilungsvariationen ebenso an die morphogrammatische Logik gestellt werden.
Ein Blick auf die klassische Wahrheitstafel zeigt nun, daß unter morphogrammatischem Gesichtspunkt die Möglichkeit der Verteilung durch die klassischen Werte "w" und "f" nicht ausgeschöpft werden kann. Denn bei allen sechszehn möglichen Permutationen tauchen immer entweder einer oder aber beide Werte auf, womit innerhalb der Viererreihe der Wertetafel nie vier verschieden Werte auftreten können. Wendet man sich aber von der Wertbelegung zur morphorammatischen Struktur, die als reine Strukturform nur die Unterscheidung zwischen gleich und verschieden kennt, müssen noch weitere Leerstrukturen bzw. Morphogramme existieren, z.B. ein solches, in dem ein einmal gebrauchtes Symbol in keinem anderen Platz wiederkehrt."52 Die folgende Tafel führt die durch die Abstraktion der zweiwertigen Wertetafel auf die kenogrammatische Ebene noch nicht generierten Morphogramme auf.
Damit ist die Reihe der Morphogramme vollständig, d.h sämtliche Verteilungsmöglichkeiten für ein bis vier Kenogramme sind erschöpft.
Um mit den Morphogrammen operieren zu können, bedarf es nun der Einführung spezieller Operatoren, die diese Formen manipulieren bzw. sie ineinander überführen. Denn wenn die Ebene der Operationalität bar jeglicher Inhaltlichkeit als Permutation reiner strukturaler Leerformen erscheint, können die Operatoren nicht dieselben sein, die ihre Funktion bislang als Manipulatoren thematischer Substantialität erfüllten. Dies zeigt sich besonders deutlich hinsichtlich der klassischen Negation, die ja gerade das Symbol für den Umtausch der Wertbesetzung darstellt. Gemäß des Themas dieser Logik, die sich nicht mehr mit dem klassisch-aristotelischen Thema `Sein' beschäftigt, sondern mit dem neuen Thema `Reflexion'"53, wendet sich Günther an jene Tradition, die sich explizit mit dieser Thematik auseinandersetzt, an den transzendental-dielektischen Idealismus. Insbesondere Fichte ist es, der mit seinen Tatsachen des Bewußtseins (1813) einen Hinweis auf auf die Struktur des neuen Operators zu geben imstande ist. Danach ist das Selbstbewußtsein oder Ich als Selbstreflexion auf der zweiten Stufe `das Bild eines Vermögens' primäre Bilder des Seins zu haben."54 D.h. auf dieser Stufe der Reflexion der Reflexion, erscheint das Ich nicht als letzte feste und sich selbst gründende Instanz, sondern als weitere Spiegelung einer ersten Spiegelung, immer mit einem Bilde, als habend und seiend ein Bild."55 Tritt Selbstreflexion somit als eine Spiegelfunktion auf, so ist die Funktionsweise des gesuchten Operators, der nicht mehr auf der Ebene thematischer Gebundenheit arbeitet, bestimmt: Der Operator, der reine Reflexionsstrukturen manipuliert, soll nichts weiter als eine Abspiegelung liefern."56 Damit ergibt die Anwendung des neuen Operators, dem Günther den Namen R" gibt, auf die fünfzehn Morphogrammen folgendes Bild
Die Ebene der Morphogramme kann als Struktur verstanden werden, in der sich die Differenzen erst konstituieren bzw. der Gegensatz zwischen Positivität und Negation erst gebildet werden muß. D.h. es ist hier auch die Möglichkeit einer Wertbelegung gegeben, allerdings einer rein formalen Belegung mit sogenannten logischen Werten. Den Gedanken der Wertbesetzung der Kenogramme mit logischen Werten entwickelt Günther im Anschluß an Emil Lask, der den Formalismus selbst nocheinmal unterscheidet in eine Kategorialform und eine Strukturform, wobei diese Stufen des Formbegriffs in Analogie zur im Bereich des Gegenständlichen konstatierten Schicht des Urbildlichen bzw. des Abbildlichen gesehen werden. Gilt für Lask Subjektivität als ein Phänomen der Isolierung, das in die Ganzheit des Urbildlichen als der Entstehungsgrund der Gegensätzlichkeit"57 allererst ein Moment der Zerstückelung hineinbringt, so interpretiert Günther die logischen Werte, die nun zur Besetzung der morphogrammatischen Struktur herangezogen werden als isolierte Elemente. Damit kommt deutlich zum Ausdruck, daß die Wertbelegung, die hier angestrebt ist, nicht mit der der klassischen Wertetafel zu verwechseln ist, da die neue Besetzung ja im Sinn der Strukturform sich nicht in der Thematik des Seins gründet, sondern auf dessen subjektiver, doppelter Abspiegelung, d.h. der Reflexion der Reflexion fußt.
Betrachtet man nun die Reihe der Morphogramme, so zeigt sich, daß die Morphogramme 1 bis 8 immer nur die klassische Struktur zweiwertiger Belegung liefert, von eigentlich transklassischen Morphogrammen also erst dann die Rede sein kann, wenn mehr als zwei Werte gewählt werden können. D.h. beim Übergang vom klassischen (1-8) zum transklassischen (9-15) Morphogramm wird über die bestehende Alternative von Negation und Position hinaus die Einführung neuer Werte notwendig. Es zeigt sich hierbei, daß angesichts der Wertalternative nicht einer der beiden Werte gewählt werden muß, sondern daß ein neuer Wert gewählt werden kann, der die angebotene Alternative als Ganze verwirft. Damit ist eine neue Form der Negation gegeben, Günther nennt sie Rejektion und definiert die Funktion, die Rejektionswerte enthält als Transjunktion, da mit dem Verwerfen der Alternative von Positivität und Negation der gesamte irreflexive Seinsbereich verworfen wird. Dieser irreflexive Seinsbereich wurde von der klassisch-zweiwertigen Logik bewältigt, diese verstanden als ein identitätstheoretisches System, das die `allgemeinen Gesetze des Seienden' als formalen strukturtheoretischen Zusammenhang unter drei urphänomenalen Reflexionsmotiven ordnet. Diese grundlegenden Kernmotive [...] sind bekannt als das Gesetz der sich selbst gleichen Identität, das des verbotenen Widerspruchs und das des ausgeschlossenen Dritten."58 Kann aus dieser axiomatischen Trinität keiner der Sätze ausscheiden, ohne daß dabei die Gültigkeit der anderen in Mitleidenschaft gezogen würde, gilt für jedes denkbare Weltdatum der Satz A oder nicht A" absolut. Ein drittes ist kategorisch ausgeschlossen. Verwirft nun, wie im Fall der Rejektion gesehen, eine logische Funktion beide der angebotenen Werte, d.h. wählt sie einen Wert, der innerhalb der Alternative überhaupt nicht angeboten wird, so ist dies nur dann erklärbar, wenn man annimmt, daß dieses System in einem komplexeren System eingebettet ist. Innerhalb der klassischen Auffassung von Sein ist es aber völlig sinnlos davon zu sprechen, das Sein sei in irgendetwas anderes eingebettet, da das Sein ja selbst alles sein soll. In der oben angeführten systemtheoretischen Terminologie heißt dies, das objektive System muß per definitionem ohne Umgebung beschrieben werden. Jedes subjektive System aber kann nicht ohne den Gegensatz von System und Umgebung beschrieben werden. Es wurde ferner darauf hingewiesen, daß im Rahmen des klassischen Formbegriffs Subjektivität als Subjektivität bzw. als Reflexionsprozeß nicht positiv dargestellt werden kann, sondern über die unendliche Stufenleiter von Metasprachen einer infiniten Iteration seiner selbst ausgesetzt wird. Innerhalb dieses Schemas bleibt der Reflexion also immer ein unbewältigter Überschuß, der sich der positiven Thematisierung durch den nicht zu umgehenden Sprung auf die nächste Ebene entzieht.
Genau dieser Reflexionsüberschuß, der die klassische Logik dem unglücklichen Bewußtsein preisgibt, taucht an dieser Stelle innerhalb der transklassischen Logik als Rejektionswert, d.h. als Transjunktion auf. Die Transjunktion verwirft ja gerade den gesamten Bereich irreflexiven Seins und zieht damit die Grenzlinie zwischen dem objektiven und dem subjektiven System. D.h. im Verwerfen des irreflexiven Seinsbereichs wird dieser "in logischen Abstand gesetzt und erhält den Charakter einer Umwelt für etwas, das sich von ihr absetzt. Es scheint uns nun, daß, wenn Subjektivität irgend einen formallogischen Sinn haben soll, der betreffende nur durch eine solche Abgrenzungsfunktion repräsentiert sein kann."59 Anders gewendet trennt sich in der Transjunktion "jene Reflexion, die auf das objektiv-isolierte Sein projiziert werden kann, von jener, die sich einer solchen Projektion entzieht und die deshalb als `Subjektivität' erscheint."60
Verwerfung als neue Form der Negation ist im Unterschied zur klassischen nicht mehr symmetrisch, denn die sich nun ergebende Alternative zwischen Akzeption und Rejektion ist von tieferer, den Gegensatz von positiv und negativ umfassender Zweiwertigkeit.
Auf der Wertebene wird durch die oben skizzierte Erweiterung, d.h. durch die in Morphogramm 15 angelegte Struktur, die Einführung von zwei neuen Werten erforderlich. Der Übergang zu einer mehrwertigen Logik beginnt mit der Einführung der 3", wobei Günther diese Erweiterung als den Hinausgang aus dem in der Zweiwertigkeit angelegten Umtauschverhältnis interpretiert. Zu einem Ordnungsverhältnis kommen sie sofort, wenn sie drei Werte einführen, denn jetzt können sie entweder `1' und `2' auf der einen Seite mit `3' auf der anderen tauschen, oder `1' auf der einen Seite mit `2' und`3' auf der anderen, und das ist kein Umtauschverhältnis mehr, denn im Umtauschverhältnis müssen beide Seiten symmetrisch gleich sein - das ist ein Ordnungsverhältnis, in dem das eine Verhältnisglied einfach (z.B.`1'), das andere komplex (z.B.`2' und `3') ist."61 Die so erreichte strukturelle Vielfalt ermöglicht einen komplexen Formalismus, der geeignet ist, Reflexionsbegriffe in formale Begriffe zu übersetzen, bzw. in einer operativen Symbolik darzustellen. Da sich Reflexion auf unterschiedlichen Stufen beschreiben läßt, die zunehmend komplexer werden, ist mit der Einführung der 3" erst ein Minimalsystem gegeben, dem noch weitere Werte hinzugefügt werden müssen. We cannot talk about the subjective component of reality unless we distiguish three different states of it. It may be
(a) a poperty of something else
(b) a personal identity structure, called a subjekt
Everybody is familiar with these three aspects of subjektivity. The first is commonly called a thought; the second, an `objective' subjekt or person; the last, self-awareness or self-conciousness."62 Damit ist Selbstbewußtsein strukturell erst in einer vierwertigen Logik darstellbar. Dies deswegen, da zur Abbildung der Irreflexivität auf der ersten Stufe (a) zwei Werte benötigt werden. Die nächst höhere Stufe (b), die mit der transjunktionalen Verwerfung der einfachen Alternative den Reflexionsrest als Subjektivität darstellt, geht zu einer Dreiwertigkeit über, und das Selbstbewußtsein als Reflexion der Reflexion in sich und anderes (c), braucht den vierten Wert, um auf dieser Ebene die Differenz zur vorherigen aufrechterhalten zu können. D.h. ein System mit Selbstbewußtsein muß bei seiner Abgrenzung zwischen einer äußeren und einer inneren Umwelt unterscheiden können. Solange nur ein Rejektionswert zur Verfügung steht, kann aber nur eine Grenze überhaupt etabliert werden. Der Unterschied zwischen innerer und äußerer Umgebung bedeutet auf der Ebene der Selbstwahrnehmung, daß sich das Subjekt nicht nur von äußeren Gegenständen absetzen muß, sich somit erst als Subjekt konstituiert, sondern daß es auch auf das eigene Reflektieren reflektieren kann, sich also in Distanz zu seinem eigenen Denken versetzen können muß. Damit wird das, was zuerst Innerlichkeit war, nun - allerdings in einem schwächeren Sinn - zur Äußerlichkeit, indem es zum Gegenstand zweiter Ordnung wird. Die dergestalt vollzogene Erweiterung ermöglicht es, einen der Reflexionsstruktur gemäßen Formalismus zu entwickeln, der die unterschiedlichen Bewußtseinsstufen einem formalen Kalkül zugänglich macht."63 Dabei wird auf jeder Stufe die Komplexität derart vergrößert, daß sie nicht nur die vorhergehenden Reflexionsmotive umfaßt, sondern zugleich ein neues Motiv dazugewinnt. Denn würden die einzelnen Bereiche sich vollständig von einander getrennt gegenüberstehen, wäre damit jede Beziehung untereinander verunmöglicht, eine solche Parallelität käme einem Verbot der Verbindung und Bereichüberschneidung gleich. Das hieße aber, daß die derart unvermittelt nebeneinander stehenden Stufen nur in ein einfaches Abildungsverhältnis voneinander treten könnten, wobei die prinzipiell unendliche Reihe solcher Abbildungen von Abbildungen von Abbildungen... , auf jeder Stufe das darstellt, was schon im ersten Bild gewußt worden ist. Der Übergang zu mehrwertigen Systemen hingegen erlaubt die Angabe eines gemeinsamen Bereichs, in dem die Verbindung zu den vorhergehenden Stufen dargestellt werden kann. So ist die Verbindung zwischen den einzelnen Reflexionsschichten dadurch hergestellt, daß es gemeinsame Rejektionswerte gibt. Das bergreifen oder Umgreifen der Stufe höherer Komplexität über die der niederen stellt somit eine Vermittlung her und schafft gleichzeitig Raum für die Beschreibung dieser Vermittlung. Letzteres deswegen, da mit der Transjunktion ein Formalismus gegeben ist, mittels dessen der Prozeß der Reflexion als Prozeß innerhalb dieses formalen Apparates dargestellt werden kann. Der logische Formalismus, der uns bisher zur Verfügung steht, umgreift zwar das Bild als unmittelbare Reflexion; er gibt uns jedoch nicht die formalen Gesetze jenes Vermögens der Subjektivität, Bilder von sich selbst und dem Anderen zu haben."64 Dieses Vermögen Bilder von sich selbst und anderen zu haben, verweist auf den diskontinuierlichen Gegenstandsbereich des Denkens, wobei die unterschiedlichen Bereiche mit jeweils unterschiedlichen Intentionen korrespondieren. Der klassische Versuch, den Reflexionscharakter der Begriffe in der Allgemeinheit des logischen Begriffes aufzulösen, hatte die Einführung logischer Stufen notwendig gemacht. Dabei wurde (zwangsläufig) versucht, den Reflexionsbegriff in einer prinzipiell infiniten Kette von Metasprachen abzubilden. Da aber jede Metasprache relativ zu einer höheren Metasprache wieder zur Objektsprache wird, nimmt der Reflexionsprozeß innerhalb einer Objektsprache irreflexive Gestalt an, wodurch die Prozessualität fixiert und damit zum Stillstand gebracht wird. Solcherart zum Verschwinden gebracht, taucht die Prozessualität wieder auf der Ebene der Metasprache auf, entzieht sich aber mit diesem fortdauernden Abwandern in immer höhere Ebenen für immer ihrer Darstellung als Prozeß. Die Einführung morphogrammatischer Strukturen stellt somit eine Möglichkeit dar, diesem Dilemma mit einem erweiterten, tiefer gründenden Formalismus zu begegnen. Die Abstraktion von den Werten ermöglicht es nämlich, die Leerstruktur des Funktionierens der logischen Funktionen zu betrachten, womit Prozessualität auf einer Ebene dargestellt wird, die vor jeder thematischen Besetzung und Fixierung liegt. Da aber gleichzeitig zusätzliche Werte eingeführt werden, um den neugewonnenen Strukturreichtum auch auf der Ebene der logischen Werte aufrecht zu erhalten, können mit diesen Werten neue Themen designiert bzw. reflektiert werden. Und sind die einzelnen Domänen nach verschiedenen Strukturprinzipien organisiert, so können die unterschiedlichen Gegenstandsbereiche im Formalismus erkennbar gehalten werden. Die zur Verfügung stehenden Rejektionswerte markieren als Verwerfung eines Bereich die zur Definition des neuen notwendige Grenze, d.h. sie generieren die Unterscheidung zwischen Systemen und ihrer Umgebung. Da Rejektionswerte jedoch in einer komplexeren Struktur zu Akzeptionswerten werden können, kann in diesem Bereich die Rejektion selbst wieder thematisiert werden, wobei dieses Wiederkehren der verschiedenen Themen der Reflexion in zunehmend komplexeren Strukturen, den unterschiedlichen Bewußtseinsstufen menschlicher Subjektivität entspricht. Für die formale Darstellung der Subjektivität liefert somit die Idee des Morphogramms und die sich daraus ergebende Theorie der transklassischen Logik"65 die Grundlage.
In der Zusammenschau mit dem in Kognition und Volition gezeichneten Bild der Subjektivität als Interaktion zweier komplementärer Programme, liefert die reflexionstheoretische Analyse der Subjektivität, sowie deren formallogische Interpretation die Basis einer Theorie der `Mechanik des Denkens'."66 Denn hatte Kognition und Volition das klassische Problem des Primates von Wille oder Vernunft mittels der Proemialrelation als Ineinandergreifen von Umtausch und Ordnung"67 aufgelöst, so setzt die reflexionslogische Analyse auf dieser Stufe ein, um von hieraus Reflexion sowohl transzendentallogisch als mehrstufiges System menschlichen Bewußtseins darzustellen, als in einem weiteren Schritt diese Ergebnisse einer formallogischen Modelierung zu überantworten. D.h. der Weg, den Günther beschreitet, läßt sich beschreiben als ein sukzessives Entblättern", das sich Schritt für Schritt von außen nach innen dem Kern dessen nähert, was unter Subjektivität verstanden werden soll. Heißen die Wegmarken dieses Vorgehens etwa Subjekt, Denken-Wollen, Reflexion, unmittelbares Bewußtsein, einfach reflektiertes Bewußtsein, Selbstbewußtsein, Formalisierung der Reflexion, so ist damit deutlich, daß sich das Thema an keiner Stelle ändert, daß allein die Perspektive sich schrittweise focussiert, ebenso wie der Blick durch ein Mikroskop dasselbe Objekt bei zunehmenden Vergrößerungsstufen in immer neuen Strukturen sichtbar werden läßt.
Es zeigt sich also, daß Subjektivität als Subjektivität, bzw. Reflexion in ihrer Prozessualität durchaus einer formalen Abbildung zugänglich ist, wenn unter Absehen von der substantiellen Wertbesetzung transklassische Logik als operationales Gefüge strukturaler, mehrwertiger Leerformen, d.h. als Kenogrammatik nicht mehr eine Kategorialform", sondern die Strukturform" (Lask) liefert.
1G. Günther: IuG, S.352
2NACHSCHLAGEN!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
3a.a.O., S.135
4a.a.O., S.136
5G. Günther: Beiträge I, S.28
6ebd.
7a.a.O., S.63
8a.a.O., S.64
9ebd.
10a.a.O., S.67
11ebd.
12a.a.O., S.67
13G. Günther: Das Bewußtsein der Maschinen. S.136
14G. Günther: Beiträge I, S.21
15a.a.O., S.20
16a.a.O., S.21. Hervorhebung im Original.
17a.a.O., S.22
18a.a.O., S.23. Hervorhebung im Original.
19G. Günther: Beiträge III, S.87
20G. Günther: Beiträge I, S.42. Hervorhebung im Original.
21a.a.O., S.53
22ebd.
23a.a.O., S.57. Hervorhebung im Original
24ebd.
25ebd.f. Hervorhebung im Original.
26a.a.O., S.66
27ebd.f
28vgl. a.a.O., S.67
29a.a.O., S.71
30ebd. Hervorhebung im Original.
31G. Günther: Erkennen und Wollen, S.8f/208f
32G. Günther: Beiträge I, S.202
33G. Günther: Beiträge II, S.80
34a.a.O, S.81
35Reinhold Baer: Hegel und die Mathematik. in: Verhandlungen des zweiten Hegelkongresses vom 18.-21. 10. 1931 in Berlin. Tübingen 1931, S.104f
36ebd.
37G. Günther: Beiträge III, S.140
38a.a.O., S.61
39G. Günther: Beiträge I, S.207
40a.a.O., S.209
41a.a.O., S.208
42a.a.O., S.209
43a.a.O., S.210
44G. Günther: Beiträge I, S.212
45ebd.
46ebd.
47ebd.
48ebd.
49a.a.O., S.213
50a.a.O., S.216
51a.a.O., S.215
52a.a.O., S.218
53a.a.O., S.151
54a.a.O., S.220
55J. G. Fichte: Nachgelassene Werke. BdI,S.426
56G. Günther: Beiträge I, S.221
57 E. Lask: Gesammelte Schriften. Tübingen 1923. BdII,413
58G. Günther: Beiträge I, S.147
59a.a.O., S.229f
60a.a.O., S.231
61G. Günther: Phaidros und das Segelflugzeug. in: Das Abenteuer der Ideen. S.79
62G. Günther: Beiträge I, S.289
63a.a.O., S.242
64a.a.O., S.246
65a.a.O., S.247
66vgl. Anm.33
67G. Günther: Erkennen und Wollen. S.34/227
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