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3.2 System und Umgebung


Im Kapitel 5 wurde eingehend der Subjekt-Begriff Günthers dargestellt, wobei sich als signifikantes Merkmal die streng durchgehaltene kybernetische Perspektive abzeichnete, wonach Subjektivität als Programmstruktur erschien, innerhalb derer als Vermittlungs- und Fundierungsrelation die Proemialrelation markiert werden konnte. Proemialität als Fundierungsrelation hinsichtlich Ordnung und Umtausch stellt aber nicht nur im Zusammenhang mit der Subjektivität einen basalen Funktionsmechanismus dar, sondern bildet, da sie die Unterscheidung von Form und Stoff durchkreuzt"1 im Theoriegebäude Günthers eine, wenn nicht die fundamentale Kategorie. Dies nicht zuletzt deswegen, weil Polykontexturalität als Zusammenspiel von Hierarchie und Heterarchie grundsätzlich mit den beiden Relationen von Umtausch und Ordnung arbeitet und somit in diesem Zusammenhang immer auf die Proemialrelation verwiesen wird. Im folgenden Kapitel soll nun darauf gesehen werden, inwiefern sich Proemialität als Wirkmechanismus im Rahmen technischer Produktion feststellen läßt, oder besser und umgekehrt: Inwieweit verändert sich das Paradigma der Beschreibung technischer Produktionsprozesse, wenn Technik und Technologie als polykontexturale Phänomene einer strukturalen Beschreibung unterzogen werden? Das heißt aber nicht einfach ein besseres Deskriptionsmodell an die Stelle eines unzureichenden zu setzen, sondern erhebt gleichzeitig die Forderung einer neuen Formation technischer Prozesse, womit die strukturelle Reformulierung immer auch eine der erkannten Komplexität adäquate Reorganisation der Produktionsprozesse bedeutet.

Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß dem Isomorphieprinzip folgend Positivität und Negation als symmetrisches Umtausverhältnis beschrieben werden kann, wobei es für das Gesamtsystem der Aussagen irrelevant ist, welche der beiden Seiten bevorzugt wird. Für die Interpretation der Welt jedoch ist es notwendig, daß die beiden Systeme einander ergänzen, d.h. daß sie als einander ebenbürtig betrachtet werden müssen. Da es aber unmöglich ist, gleichzeitig in beiden Systemen zu argumentieren, ohne daß dadurch ein Widerspruch entsteht, bedarf es einer Entscheidung, wodurch die ursprüngliche Symmetrie gebrochen und zwischen den unterschiedlichen Themen ein hierarchisches Ordnungsverhältnis etabliert wird. Dies vollzog die klassische Logik dahingehend, daß sie die Positivität mit dem Sein identifizierte, wodurch der Subjektivität, dem Denken, die untergeordnete Rolle zukam. In dem nunmehr asymmetrischen Verhältnis ergibt sich also ein privilegierter Standpunkt, der die Schwebe zwischen Positivität und Negation auflöst und auf der Basis dieser Entscheidung eine Ordnungsstruktur erzeugt. Für zwei Ordnungen aber gilt, daß sie sich eher bestreiten als ergänzen, denn jedes System hält nämlich per se den Anspruch aufrecht, für absolut genommen zu werden."2 So hat die Entscheidung für eines der möglichen Motive nicht nur eine inhaltliche Bestimmung des Aussagensystems zur Folge, sondern gleichzeitig wird die Möglichkeit des anderen Subsystems geleugnet. Dieses Zurückdrängen des anderen Themas bedeutet aber auch, daß die Interpretation der Welt prinzipiell unvollständig bleibt. Der Anspruch eines Systems, alles was es gibt, innerhalb seiner selbst stattfinden zu lassen"3, verdeckt jedoch die Notwendigkeit der thematischen Entscheidung, die nicht innerhalb des Systems getroffen werden kann. Fällt die klassische Logik diese Entscheidung dahingehend, daß der designierende Wert das Sein-überhaupt bestimmt, so ist dieses Sein das als Schöpfung Gottes gedachte fertige und vollendete Sein. Wird Sein solcherart als schon gewordenes betrachtet, als das Entscheidungsresultat ursprünglicher unentschiedener Verhältnisse"4, so findet der Prozeß der Entscheidung in einem unerreichbaren Außen statt und verlangt ein mythologisches Subjekt, dem die Erschaffung zugeschrieben werden kann. Alle Tätigkeiten des (irdischen) Subjekts verkommen zur bedeutungslosen Geschäftigkeit, deren theologische Interpretation als Eitelkeit des Staubes" ein Hinweis darauf ist, daß die im Schweiße des Angesichts verrichtete Arbeit des Subjekts nicht Dauerhaftes und Fundamentales produzieren kann, denn Schöpfung bleibt eben jenem göttlichen Subjekt vorbehalten. Ebenso gilt für die klassischen Naturwissenschaften, daß das Subjekt nur negativ verstanden werden kann - als Störung in den zweiwertig formulierten Aussagen über das objektive Sein. Wenn es aber darum gehen soll, die Mechanik des Schöpfungsaktes zu verstehen, so heißt dies, die Arbeit Gottes als etwas zu nehmen, das ins Diesseits transponiert werden muß. Denn solange es ein absolutes Außen gibt, einen unerreichbaren Ort, auf den sich die mythologischen Jenseitserwartungen richten, erscheint jede diesseitige Anstrengung als unwichtig - und alles was sich im Diesseits als widersprüchlich herausstellt, kann ins Jenseits gebannt werden, wo nichts mehr gewußt wird vom Schweiße der Arbeit und wo die Gedanken leicht und schmerzlos beieinander wohnen."5 Vernichtung der Gegensätze in der coincidentia oppositorum bedeutet aber auch, daß sich ein Absolutes etabliert, das allen Gegensätzen vorgeordnet ist und die Vergöttlichung des Einen betreibt".6 Das Eine, das Absolute zeichnet sich gerade dadurch aus, daß es alles aus sich entstehen läßt, ohne daß dadurch ein zweites oder Anderes geschaffen würde, sondern das Eine (Gott) schafft letztlich nur sich selbst. Da das Absolute aber zugleich außerhalb des Geschaffenen bleiben muß, bedarf es der göttliche Vernunft, deren Ort das Jenseits ist, wo sich die Identifizierung von göttlichem Denken und Sein im Zusammenfall der Gegensätze ausdrückt.

Diese Identifizierung von Denken und Sein stellt somit den ins Absolute gesteigerten Ausdruck des Isomorphieprinzips dar, das auf diesem Weg auch Gültigkeit für das göttliche Denken erhält. Hier jedoch sind die Begrenzungen des menschlichen Verstandes aufgehoben, ist beispielsweise die Einschränkung des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten, der nach Aristoteles zwar für das Zukünftige gelte, aber auf dasselbe nicht mehr anwendbar sei"7, für das Absolute nicht mehr zutreffend. Für das Denken gilt also, daß es seiner Struktur nach darauf zielt, aus dieser Welt hinauszuweisen, in jenen metaphysischen Bereich, dessen Ordnung vom Allgemeinsten und Endgültigen bestimmt ist, um auf diesem Weg dem intramundanen Denken in der theoria einen Sicherheit verheißenden Anhalt an den von irdischer Kontingenz gereinigten ewigen Werten zu suchen. Das Prinzip dieser Ordnung ist die Hierarchie, deren Gipfel jedoch im Diesseits nicht erklommen werden kann. Wenn die Basis A' - B' die Alternative rot - nicht-rot repräsentiert, dann liegt unter ihr die tiefere Alternative A" - B", Farbe - nicht-Farbe und unter der letzteren eine weitere A''' - B''', die sich in einen neuen Dualismus eines weiteren Prädikates auseinanderspannt. Und wie sehr wir auch unsere Alternativen verallgemeinern und dadurch C der absoluten Realitätsbasis A - B nähern, wir erreichen die letztere nie [...] Solange das Ich sich selbst Ich ist und als Subjektivität der Welt gegenübersteht, solange schwebt C als Reflexionsdistanz über der absoluten Ebene A - B [...] Dies ist die faktische Bewußtseinssituation des historischen Menschen, der dank seiner `Kreatürlichkeit' ewig im Abstand vom Absoluten bleibt und seinen eschatologisch - utopischen Endzustand in der Geschichte niemals erreichen kann."8 Daher bedeutet die Orientierung des Denkens auf das Jenseits, daß alle diesseitigen Anstrengungen nur von vorübergehender Bedeutung sind, und es ist nicht zu verkennen, daß in dieser Orientierung auf das Transzendente eine totale Entwertung der Arbeit liegt."9

Das Material der Arbeit ist nun aber nicht das Sein überhaupt, das den ersten und höchten Grund abgibt, sondern vielmehr das von Gegensätzlichkeit bestimmte Seiende. Wird diese Gegensätzlichkeit aufrecht erhalten, so gibt es neben dem "Einen" auch einen anderen Grund, der ebenso als der höchste genommen werden kann. Sind somit zumindest zwei Gründe gegeben, von denen keiner aus dem anderen abgeleitet werden kann, bedarf es einer Struktur, die diese nichtreduzierbare Alternative darzustellen vermag. Jedes hierarchiesche System jedoch läuft per se auf immer nur einen Grund zurück, womit sein struktureller Rahmen für eine solche Darstellung nicht ausreichend ist. Ein heterarchisches System hingegen ermöglicht die Darstellung gleichrangiger Gründe, da für ein solches Sytem es neben dem höchsten Grund noch weitere "höchste Gründe" geben kann, und daher ist jeder hierarchische Grund auch ein Nicht-Grund, ein abgeleiteter. Der Grund und sein anderer/anderes sind in einem heterarchischen System zu einem komplexen Ganzen verbunden,"10 wodurch Gegensätzlichkeit vereinigt und vernichtet wird. Eine derartige Struktur kennt kein Jenseits mehr, da das Verhältnis von Innen und Außen gerade die Grenze des Absoluten thematisiert. Das bedeutet aber auch, daß das neu gewonnene Verhältnis zwischen Diesseits und Jenseits nicht durch die Aufhebung bzw. Auflösung der Grenze erreicht wird, sondern daß es nun darum geht, die "Arbeit Gottes" ins Diesseits zu ziehen. Damit ist eine Praxis gemeint, die Schöpfung als Handlund versteht, womit dem Denken ein gleichrangiges Motiv nebengeordnet wird. Mit Denken und Handeln sind also zwei gleichrangige Motive gegeben, wobei das Denken immer hierarchisch in Richtung auf das Jenseits deutet, die Handlung oder der Wille hingegen immer im Diesseits verbleibt. Wenn es die Aufgabe des Willens und der Handlung ist, ganz im Diesseits zu bleiben, dann darf die Mechanik des Willen sich nicht nach hierarchischen Gesetzen richten. Es ist unvermeidlich, daß sie heterarchisch strukturiert ist. Es gehört zwar zum Wesen des Denkens, daß es niemals sich selbst, sondern das Andere, Allgemeinste und Endgültige will, aber der Wille will letzten Endes nur sich selbst. Er ist seiner innersten Struktur nach zyklisch. Er kann also nirgend aus dieser Welt hinausweisen."11

Mit Hierachie und Heterarchie sind zwei Ordnungen gegeben, die nicht aufeinander reduziert werden können, sondern in einem komplexen Wechselspiel miteinander verbunden sind, womit sich ein anderes Verhältnis zwischen Innen und Außen konstituiert, das als Simultaneität verstanden werden kann. Da nunmehr verschiedene Standpunkte innerhalb der aus vermittelten Systemen bestehenden System-Ganzheit eingenommen werden können, wird die Grenze zwischen Innen und Außen nicht mehr als das Obstakel (Günther) verstanden, sondern markiert einen Strukturwechsel, der von einem vermittelten System aus beschrieben werden kann. Dieser veränderte Begriff der Grenze kann nun auf das Verhältnis von Diesseits und Jenseits derart angewendet werden, daß das Jenseits nicht mehr in seiner metapysischen Topographie begriffen wird, sondern als das Außerhalb genommen wird, das die Struktur des Verhältnisses von Innen und Außen `ist´".12 Jenseits, oder eigentlich besser Jenseitigkeit, bringt somit die schematische Je-Andersheit zum Ausdruck, in der sich Innen und Außen begegnen, und wird auf diesem Weg, als Strukprinzip, säkular. Die damit eingeleitete Immanation des Jenseits bedeutet also nicht, daß die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits aufgehoben wird, es bedarf nun vielmehr einer Handlung, die im Diesseits das zu erbringen vermag, was der mythologische Jenseitsglaube erst für das Eschaton verspricht. In diesem Sinne also ist das Jenseits als inhaltlicher Bereich vernichtet. Andererseits aber ist es bewahrt und erhalten als Gesetz des Reflexionsprozesses, der sich im Diesseits selber eine Schranke setzt."13 Dies ist dann erreicht, wenn die Reflexionden Denkraum des Jenseits restlos entleert hat und nur jenes absolute Nichts bzw. die totale Negation übrigbleibt."14 Die Grenze selbst, die sowohl Eigenschaft des Diesseits wie des Jenseits ist, und daher weder dem einen noch dem anderen Bereich exklusiv zugeordnet werden kann, muß nunmehr neu beschrieben werden: Sie ist die Grenze, wo Sein, so wie wir es verstehen, abbricht und sich das Bewußtsein dem absoluten Nichts gegenüber sieht."15 Damit aber in diesem Bereich der Negativität keine neuen Mythologeme entstehen können, bedarf es der Arbeit, den Leerraum der totalen Negativität durch schöpferische Tätigkeit im Diesseits zu erfüllen."16 Günther findet diese philosophische Wendung, die die Arbeit an die Stelle des Jenseitsglaubens setzt [...], die sich mehr oder weniger bewußt ausschließlich dem Diesseits zuwendet"17, bereits bei Hegel angelegt, wenn dieser vom Charakter der Arbeit als reinem Hervorbringen und perennierenden Arbeiten spricht.18 Kann somit Arbeit für Hegel aber als reiner Selbstzweck nie zu ihrem Ende kommen, und bleibt sie immer noch dem Gegenständlichen verhaftet, so findet sich bei Marx Arbeit als nicht mehr gegenständlich fixierte in einer signifikanten Doppelbestimmung. Arbeit als absolute Armut. Armut nicht als Mangel, sondern als völliges Ausschließen des gegenständlichen Reichtums."19 Eva Meyer erkennt hierin die negative Bestimmung nichtgegenständlicher Arbeit, als Abstraktion von den Momenten ihrer realen Wirklichkeit (ebenso als Nicht-Wert)"20, und sieht ihre positive Bestimmung, als sich auf sich selbst beziehende Negativität, also als ungegenständliche, d.h. subjektive Existenz der Arbeit".21 Die Marxsche Formulierung laut dementsprechend: Die Arbeit nicht als Gegenstand, sondern als Tätigkeit, nicht als selbst Wert, sondern als lebendige Quelle des Wertes. Der allgemeine Reichtum, gegenüber dem Kapital, worin er gegenständlich, als Wirklichkeit existiert, als allgemeine Möglichkeit desselben, die sich in der Aktion als solche bewährt."22 Wird Arbeit von Marx einmal als völliges Ausschließen gegenständlichen Reichtums und zum anderen lebendige Quelle desselben in zwei nicht aufeinander reduzierbare und sich widersprechende Bestimmungen gefaßt, so können diese Aussagen, will man nicht in dieser Widersprüchlichkeit steckenbleiben, gemeinsam einzig in einem gleichermaßen heterarchisch wie hierarchisch organisierten System aufrecht erhalten werden, d.h. in einem komplexen System.

BEISPIEL: HIERARCHISCH-HETERARCHISCH VERMITTELTE SYSTEME AM PARADIGMA DER HARDWARE-PRODUKTION

Die oben angeführte dialektische Bestimmung der Arbeit stellt ein typisches Beispiel dar, inwieweit auf dem Boden der klassisch-zweiwertigen Logik Komplexität aus gründen der Widerspruchsfreiheit reduktionistisch dem TND geopfert" werden muß. Es zeigte sich, daß die unilineare Hierarchie zugunsten eines komplexen Systems preisgegeben werden mußte. Innerhalb eines solchen Systems ließe sich dann auch eine Beschreibung nicht gegenständlicher Arbeit geben, die dem Prozeß der Produktion als Prozeß gerecht wird. Da der Prozeß niemals ganz im Produkt aufgeht, kann das Verhältnis zwischen Produktionsprozeß und Produkt nicht länger hierarchisch beschrieben werden. Dies insbesondere dann nicht mehr, wenn mit den Bedingungen der zeitgenössischen Hardware-Produktion die Grenzen von Entwicklung, Produktion und Prozeß diffus werden, denn hier läuft der Entwicklungsprozeß über die gesamte Produktionsdauer hinweg weiter, parallel zum Fertigungsprozeß."23 Wird nun aber der Prozeß und das Produkt als gleichrangig betrachtet, so kann weder eine vorrangige Funktionsdefinition noch eine lineare Abfolge von Erzeugungsschritten angegeben werden.

Darüberhinaus fand der lineare Produktionsprozeß, der von einem bereits definierten Produkt ausging und dieses in der Reihenfolge der nötigen Arbeitsschritte erzeugte, seinen Abschluß in einer Funktionsüberprüfung, die nachträglich Konstruktionsplan und Produkt verglich. Mit wachsender Kompliziertheit des Produkts und hinsichtlich der oben angesprochenen Paralellität von Entwicklung und Verfertigung, ergibt sich jedoch eine prinzipielle Unabschließbarkeit der Prüfung. Nach klassischem Denkmuster erfolgt die Entwicklung und dann die Fertigung, sowie erst die Konstruktion und dann die Verifikation."24 Diesem Schema zufolge findet die Produktion eines Produktes in getrennten Phasen statt, wobei der materiellen Produktion eine Simulation des Produktes zur Überprüfung des Funktionsplanes vorausgeht und dieses nach Abschluß der Herstellung auf Fehler durchgesehen wird. Da aber nun wie gesehen die Prüfungsprozesse prinzipiell unabschließbar sind, und sich die klassisch distinkten Produktionsphasen überlagern, treten innerhalb des ursprünglich linearen Ablaufs nunmehr Verzweigungspunkte auf, an denen der (im Prinzip vorwärts) gedachte Weg des Produktes durch rückläufige Schleifen supplementiert wird, und diese Schleifen umfassen alle Phasen des Produktionsprozesses."25

Ziel des Prozesses ist es, ein Produkt herzustellen, daß keine Fehler aufweist. Da die Überprüfung jedoch unvollständig bleibt, ist es aus prinzipiellen Gründen unmöglich, das klassische 0-Fehler-Ziel zu erreichen. Nun hat man sich mit dieser Situation arrangiert, indem man sich mit möglichst guten Annäherungen zufrieden gab. Es stellt sich jedoch die Frage, welche Organisationsprozesse einer prinzipiell anderen Auffassung vom Verhältnis zwischen Produkt und Produktion entsprechen, denn mit einer geänderten Auffassung von Produktion korrespondiert eine ebenso modifizierte Definition von Produkt. Klassisch werden diese Bereiche mit der dualen Begrifflichkeit von Struktur und Funktion beschrieben, wobei für den Erzeugungsprozeß die Struktur maßgebend ist, für den Gebrauchszusammenhang jedoch die Funktion. Struktur und Funktion sind Abstraktionen, mit ihnen wird vom konkreten Objekt in zwei Richtungen abstrahiert, in Richtung des Erzeugungskontextes und in Richtung des Gebrauchskontextes. Das Modularitätsprinzip impliziert, daß diese beiden Abstraktionen das Objekt vollständig beschreiben, jedenfalls hinreichend vollständig für alle Kontexte, die für das Produktionsunternehmen relevant sind."26 Dabei garantiert das Modularitätsprinzip, das alle Teile des Objekts durch andere Teilobjekte gleicher Funktion ersetzt werden können, ohne das dadurch am Gesamtobjekt etwas geändert wird. Nun ist aber die Elektronik im Zuge der Miniaturisierung bis in quantenphysikalische Bereiche vorgedrungen, und dort heißt das regulative Grundprinzip nicht Modularität, sondern Komplementarität plus Unschärfe. In der Quantenphysik wird der Objektbegriff durch den Prozeßbegriff komplementiert (Teilchen/Welle-Komplementarität), und eine Reduktion auf den klassischen Objektbegriff (und das zugehörige Modularitätsprinzip) ist nur um den Preis einer Unschärfe möglich."27 Komplementarität bedeutet aber, daß zumindest zwei Standpunkte eingenommen werden müssen, die einander ergänzen, ohne daß sie sich auf einen gemeinsamen Definitionszusammenhang reduzieren lassen. Dem entspricht nun eine Produktionsweise parallel ablaufender und sich gegenseitig beeinflussender Prozesse, die jedoch im hierarchischen Schema klassischer Sukzession der Produktionsschritte nicht mehr organisiert werden kann. Denn nunmehr wird die Funktion des Produktes auf mehrere gleichrangige Subsysteme verteilt, die untereinander vermittelt sind, so daß nicht mehr von einem vordefinierten Objekt gesprochen werden kann. Denn dieses wird jetzt von unterschiedlichen Teilsystemen aus entworfen und produziert, so daß Komplexität als eine Eigenschaft des Objektes angesehen werden kann. Das komplexe Objekt ist also nicht mehr Produkt eines von einem vorgängigen Konstruktionsplan determinierten, linearen Herstellungsprozesses, vielmehr kann nun in einem Netz parallel organisierter Abläufe das Produkt definiert, realisiert und verwendet werden.

Dabei ergibt sich ein neues Verhältnis zwischen Definition und Realisierung, denn das klassische Schema der sukzessiven Konkretisierung, kennt, da es auf der Identität des Objektes beruht, nur eine eindeutige Zielsetzung und Zweckdefinition, die von jedem äußeren Zusammenhang absieht. Im Gegensatz zu dieser ideellen Objektkonzeption, geht die polykontexturale Objekttheorie davon aus, daß eine Objektdefinition sich nur aus dem Strukturrahmen der erzeugenden Teilsysteme gewinnen läßt."28 Das Verhältnis von Struktur und Funktion, das im klassischen Fall ein vorher und nachher ist, kann nun aufgelöst werden, indem die Produktion an mehreren Orten parallel organisiert wird. Der unmittelbare Bezug zum materiellen Endprodukt wird zugunsten der Eigendynamik des Prozesses aufgegeben, die durch sich wechselseitig beeinflussende Impulse in Bewegung gehalten wird. In der zur Objekttheorie komplementären Betrachtung der Prozesse zeigt sich, daß die `Identität' einer komplexen Organisation als Invarianz des Komplexitäts- rahmens zu verstehen ist, d.h. Invarianz bei wechselnder Struktur."29 Das Objekt steht dabei im Schnittpunkt mehrerer Bestimmungsbereiche, deren Anzahl die Komplexität des Objekts festlegen. In jede Teildefinition des Objekts muß also der jeweilige Bereich miteinbezogen werden, wobei die Schnittstellen zwischen den Bereichen als Übergänge zu verstehen sind.

Diese Übergänge bedeuten aber nicht einfach nur Weitergabe von Information, da hier zugleich Teildefinitionen und Entscheidungen im Bezug auf weitere relevante Bereiche und Prozeßabläufe neu organisiert werden können. Der Übergang von einem Bereich zum anderen erzeugt einen Transfer-Zusammenhang, insofern die wechselseitigen Impulse nicht mehr die Gestalt von Information haben, sondern von strukturellen Gestalten, die beim Bereichswechsel einen Bedeutungswechsel (Umdeutung), einen Strukturwechsel (Umschreibung), oder einen Funktionswechsel (Umfungierung) erfahren können."30

Der Prozeß der Produktion und die Strukturierung desselben verschränken sich also ineinander, und die dem klassischen technischen Prozeß äußerlichen Positionen, die ihn in seinem Ablauf bestimmten, werden nun in einem komplexen Organisationsnetz miteinander verschränkt. Dabei bestimmt sich die Komplexität des Netzes aus der Anzahl der Bereiche, die intern autonom, untereinander jedoch vermittelt sind. Auf diese Weise muß das klassische Verhältnis von Innen und Außen derart modifiziert werden, daß der dem technischen Prozeß vormals äußerliche Organisationsaufwand einbezogen wird, d.h. der Begriff der Umgebung muß so komplex gefaßt werden, daß heterogene Prozesse miteinander koordiniert werden können. Zwischen System und Umgebung gibt es je nach Komplexität eine vielseitige Relationalität, die von einem heterarchischen System realisiert wird. Obwohl auch in einem hierarchischen System unterschiedliche Standpunkte denkbar sind, müssen diese jedoch in ein Gefüge verschiedener Relevanzstufen geordnet werden, wodurch die auftretenden Impulse, die in den Produktionsprozeß einfließen eher als Störung, denn als Quelle der Kreativität interpretiert werden. Insofern können die strukturellen Voraussetzungen, die gegeben sein müssen, um mehrere Standpunkte als gleichrangige nebeneinander zu ordnen, in einem hierarchischen System nicht erzeugt werden. Im Gegensatz zu letzterem, kann im heterarchischen System, mittels Umdeutung, Umschreibung und Umfungierung, die Fixierung auf eine einmal gegebene Definition aufgelöst werden, sowie diese Möglichkeit den Standpunkt zu wechseln gleichzeitig bedeutet, daß die Relationen zwischen gleichrangige Systemen von einem jeweils anderen System aus betrachtet und beschrieben werden können.

Gibt es nach klassischem Muster keinen zweiten gleichberechtigten Standpunkt, so ist das Oppositionspaar System/Umgebung gleichbedeutend mit Innen/Außen, wobei diese Alternativsituation unhintergehbar, also selber ohne die Möglichkeit einer weiteren Umwelt ist. D.h. daß ein klassisch definiertes System die Dualität von System/Umgebung annehmen, akzeptieren muß und sie nicht als Ganze negieren bzw. verwerfen kann."31 Innerhalb eines heterarchen Systems bedeutet die Möglichkeit des Negierens der Alternative als Ganzer, daß eine zusätzliche Operation eingeführt werden muß, denn die klassische bezieht sich nur auf die Dualität von System und Umgebung. Aus dem vorherigen Kapitel ist diese neue Funktion bereits als die Transjunktion geläufig. Heterarchische Systeme sind dem Grad ihrer Komplexität entsprechend nicht bloß mit einem Negationsoperator ausgerüstet, sondern mit mehreren. Daher sind sie multi-negationale Systeme, die in der Lage sind,

a) eine vielseitige System-Umgebungs-Relationalität zu konstituieren und

b) Umgebung nicht nur außerhalb des Systems, sondern auch innerhalb des Systems zu bilden."32

Im Zusammenhang mit der Reflexion trat diese Fähigkeit zur Multinegationalität in der Möglichkeit und Notwendigkeit des Systems auf, sich sowohl von seinen Denkgegenständen als auch von seinen Denkprozessen zu distanzieren, um auf diesem Weg neben der umgebenden Umgebung zu einer Umgebung zweiten Grades" zu gelangen.

Dies geschah, ebenso wie in dem hier vorliegenden Kontext, durch die Einführung einer neuen, nicht-klassischen Negation, die in ihrer doppelten Anwendung nicht mehr auf die Position der Ausgangsstufe zurückverweist. Dieser im Rahmen der Reflexionsanalyse als Vermittlung beschriebene Prozeß, zeigt hier nun analog, daß die interne Organisation jedes Systems klassisch ist, wobei sich die Grenzen jedoch qua Vermittlung als überschreitbar erweisen. D.h. zwischen System und Umwelt gibt es sowohl einen Abbruch, als auch die gleichzeitige Möglichkeit des Übergangs, der jedoch auf dem Boden der klassischen zweiwertigen Logik nicht bewerkstelligt werden kann. Dieser Übergang darf allerdings nicht mit Informationsaustausch verwechselt werden, denn der Hinausgang von einem System in ein anderes generiert einen Bedeutungswechsel der Strukturen des Ausgangsbereichs, im Sinn der oben angeführten Umdeutung, -schreibung, -fungierung.

Sind die verschiedenen Bereiche als autonome Zentren zu verstehen, so bedeutet dies zum einen, daß das gegenseitige Anerkennen ihrer jeweiligen Gleichberechtigung eine heterarchische Struktur voraussetzt, zum anderen aber mit der privaten Autonomie innerhalb eines System eine Hierarchie angelegt ist. Letzteres insofern, als sich die Autonomie eines Systems im Hinblick auf die Logik als ein lokaler Bereich verstehen läßt innerhalb dessen die klassische Logik weiterhin vollständige Gültigkeit besitzt, somit also das lokale Festhalten am TND und Satz vom Verbotenen Widerspruch die Bereiche intern strikt zweiwertig und hierarchisch strukturiert. Der Transfer von Information und der gleichzeitig stattfindende strukturelle Bedeutungswechsel zwischen den Bereichen wird von einem Mechanismus gewährleistet, der zwischen den gleichrangigen Systemen vermittelt. Um diesen Vermittlungsprozeß nachvollziehbar und beschreibbar zu halten, ist es notwendig, die Mechanik des Übergangs in einem Formalapparat darzustellen, denn nur so kann jenseits von Spekulationen ein technisches Artefakt entworfen werden, das den Anforderungen eines komplexen Produktionsprozesses entspricht. Folgender Graph zeigt das Grundkonzept der Bereiche sowie der Schnittstellen zwischen den gleichrangigen Systemen.

Der Wechsel zwischen S1 und S2 ist definiert aufgrund der Systemverschiebung als Umtausch der Zustände zugleich mit dem Systemwechsel, was z.B. heißt: Zweck für S1 wird Mittel für S2, und umgekehrt. In dieser Umtauschrelation ist ein wechselseitiger dynamischer Übergangsmodus gegeben. Nachdem beide Teilsysteme nicht in einem sukzessiven Koppelungsmodus einer Hierarchie stehen, jedes Teilsystem kann als aktives System autonom operieren, aber für den Transfer von Informationen muß der Umtausch der Bedeutungen mitgedacht bzw. realisiert sein. Die Transfers sind aufgrund der Verknüpfungsgraphen, wenn man sie explizit [...] formuliert, gerichtete Übergänge, wo beide Richtungen unterschiedliche Bedeutungszusammenhänge realisieren."33 Somit wird an den Schnittstellen zweier Systeme, also im Bereich der Vermittlung von Heterarchie und Hierarchie, das Verhältnis von Ordnung und Umtausch bestimmt. Die Relation, die die Simultaneität des Umschlags von Heterarchie und Hierarchie, also die Inversion von Operator und Operant erst ermöglicht, ist die Proemialrelation. D.h. der Mechanismus der Proemialrelation oder Proemialität als fundierendes Prinzip komplementärer Inversion, stellt die Rahmenbedingung zur Organisation verteilter Systeme bereit.

Proemialität kann somit, da sie als basales Muster unabhängig von möglichen Objekten gleichsam als Vorspiel einer Theorie der Systeme gedacht wird, verstanden werden als die Bedingung der Möglichkeit der Grundbestimmung von Systemen. Dabei ist die Anzahl der zur Verfügung stehenden Systeme entscheiden für die Komplexität der entstehenden Struktur. Diese geht zwar von den klassischen Baumstrukturen aus, die innerhalb der Bereiche hierarchisch realisiert sind, da aber nun auch heterarchische Strukturen entstehen, gibt es neben Figuren zwischen Linie und Stern auch die Möglichkeit des Kreises. D.h. es erschließt sich ein mehrliniges Konzept, in dem auch Selbstrückbezüglichkeit beschrieben werden kann. Dieses Konzept wird von zumindes zwei gleichrangigen Systemen ermöglicht, die durch ein drittes vermittelt werden. Dabei ist das vermittelnde System ein Medium-System, der Darstellung der Spannweite der Zustandsverkettungen der Systeme in einem direkten Bezug, der sonst über die Systeme verteilten `äußeren' Zustände der Verteilung."34 Das dritte System stellt dann den Ort dar, an dem sich die verschiedenen Konstellationen der autonomen Systeme zeigen, womit man das mediale System als gewissermaßen gemeinsamen Bezugspunkt auch als Kontrollsystem relativ zu den direkt gekoppelten Teilsystemen betrachten kann. Dieses Kontrollsystem ist aufgrund seiner Struktur von den Teilsystemen selbst erzeugt, es ist kein von einem äußeren Standpunkt erzeugtes normatives Abbildungsmodell."35 Damit bedeutet die Ermöglichung unterschiedlichster Relationen zwischen verschieden Teilsystemen, daß die entstehende Systemganzheit über Eigenschaften verfügt, die die prinzipiellen Voraussetzungen für Selbstkontrolle bzw. zur Selbststeuerung darstellen. Hierfür muß das Verhältnis zwischen einem System und seiner Umwelt derart bestimmt sein, daß einerseits die strukturelle Differenz zwischen beiden aufrechterhalten bleibt, andererseits aber ein Transfer zwischen System und Umwelt möglich ist. D.h. es ist jene Eigenschaft gefordert, die, im Rahmen polykontexturaler Verteilung und Vermittlung, zwischen System und Umwelt sowohl den Abbruch als auch die Möglichkeit des Überganges gewährleistet.

Zusammenfassend läßt sich also feststellen, daß technische Prozesse als polykontexturale Phänomene zu begreifen, einen methodologischen, begrifflichen und formalen Apparat liefert, der allererst in der Lage ist, die dem Verfertigungsprozeß inhärente Dialektik von ... Planung - Ausführung - Planung ... in seiner Struktur zu erfassen und abzubilden. Darüberhinaus zeigt sich, inwieweit das solcherart gewonnene Beschreibungsparadigma im gleichen Moment die Neuformation der produktionstechnischen Organisationsformen bedeutet, womit auf einer zweiten Stufe eine dialektische Struktur ausgemacht werden kann, nun zwischen Deskription und Formation. Denn können technische Prozesse als polykontextural strukturiert beschrieben werden, was sie - um eine Anleihe in der Biologie zu machen - genotypisch immer schon sind, so fordert diese Strukturanalyse, ihre Organisation so zu formieren, daß sie auch phänotypisch als solche zu erkennen sind. D.h. die Beschreibung greift zum einen rezeptiv auf das, was schon ist, um im gleichen Moment konstruktiv den status quo neu zu gestalten. Damit ist Beschreibung selber in ein dialektisches Wechselspiel einbezogen, das ihr ein Janusgesicht von Deskription und Konstruktion verleiht.

1ebd.
2 E. Meyer: Zählen und Erzählen. Für eine Semiotik des Weiblichen. Wien Berlin 1983. S.164
3ebd.
4G. Günther: Beiträge III, S.244
5a.a.O., S.255
6E. Meyer: a.a.O., S.164
7G. Günther: Beiträge II, S.177
8G. Günther: SdM, S.44
9G. Günther: Beiträge III, S.255
10J. Ditterich, E. Helletsberger, R. Matzka: Organisatorische Vermittlung verteilter Systeme.(=OVvS), S.98. Forschungsprojekt im Auftrag der Siemens-AG in Zusammenarbeit mit R. Kaehr, 9.'84 - 6.'85
11Beiträge III, S.257
12E. Meyer: a.a.O., S.164
13G. Günther: Beiträge II, S.187. Hervorhebung im Original.
14G. Günther: Beiträge III, S.256
15ebd.
16ebd.
17a.a.O., S.255
18vgl. G.W.F. Hegel (Ed. Glockner) Bd.XV, S.248
19K. Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Õkonomie. Frankfurt/Wien 1939, S.203
20E. Meyer: a.a.O., S.53
21ebd.
22K. Marx: a.a.O., S.203
23J. Ditterich et al.: a.a.O., S.33
24a.a.O., S.45
25ebd.
26a.a.O., S.43
27ebd.
28a.a.O., S.67
29a.a.O., S.68
30a.a.O., S.41
31a.a.O., S.101
32a.a.O., S.100
33a.a.O., S.89
34a.a.O., S.90
35ebd.


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