Joachim Castella
I.M.A.G.E.
Institut für Medienanalyse und Gestalterkennung

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Der Gang an der Grenze

Einleitung in das Denken Gotthard Günthers

Vortrag vor dem Kepler-Kreis, Arbeitssitzung “Zur Logik der Wahrheit über die Wirklichkeit des Lebens.”

9.-11.12.1994, Evangelische Akademie, Mülheim/Ruhr, 10.12.1994, © beim Autor.

 

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CNLPA-Castella



Womit fängt man an? -

Es ist gewiß keine Koketterie des Referenten, an den Beginn die Frage nach dem gelingenden Einstieg zu stellen, auch wenn im Falle Gotthard Günthers die durchaus gegebene Überschaubarbarkeit seines Werkes solches nahelegt. Sechs Einzeleditionen - drei Monographien und die dreibändige Aufsatzsammlung - sollten diesbzgl. keine Probleme bereiten. Doch ebensowenig wie Masse notwendig mit Qualität korreliert, indiziert ein Opus, dessen Bandzahl nicht in die Höhen des "Köchel"-Verzeichnisses reicht, seine leichte, sichere und letztgültige Situierung. Wollte man hier - wie auf manchen Buchrücken zu finden - die Zielgruppen auflisten, so fände sich eine disparate Reihe möglicher Interessenten: mit Sicherheit wohl Logiker; Kybernetiker, Systemtheoretiker; ebenso die Anhänger der Selbstorganisationstheorie und Künstlichen-Intelligenz; nicht minder Philosophen, Hegelianer und Hegeliter, Dialogisten und Transzendentalisten, Idealisten und Dekonstruktivisten, Dialektiker aller Couleur; aber auch Sozialwissenschaftler und Politologen, Ethiker und Ästhetiker, Kommunikationstheoretiker, sowie ganz pragmatisch orientierte Therapeuten und (Psycho)Analytiker.

Eine solche Reihung scheint sich in der skizzierten Inhomogenität und Flächigkeit selbst zu unterminieren; wo viele einen Zugang finden, keimt schnell der Verdacht auf seichtes Niveau. Doch spiegelt die Liste der imaginären Leser im Falle Günthers die tatsächliche Breite der Rezeption wider, die die Arbeit des am 15.6.1900 in Schlesien geborenen Pastorensohns durchlaufen hat. Dies ist nicht von ungefähr so, denn Günther selbst beschreibt das, was er in seinen oft litaneihaft gleichklingenden Schriften wieder und wieder projektiert, als nichts geringeres als eine, seine Weltsanschauung. In der Tat, es geht um Weltanschauung, wenn darin mehr gesehen wird als blanke Ideologie, wenn die Anschauung der Welt, die Günther uns zu teilen offeriert, mit guten Gründen viele überkommene Seh- und also Denkgewohnheiten ablegt.

Daher nimmt es nicht Wunder, wenn eine höchst heterogene Klientel im Werk Günthers ihr Schärflein Theorie zu finden hofft, denn die Welt ist seit Wittgenstein alles, was der Fall, was sagbar ist. So finden sich Hinweise auf das "Fußnoten-Phänomen" Günther in I.M.Bochensky’s grundlegender Logik-Fibel ("Formale Logik") ebenso wie bei orthodoxen Hegel-Exegeten, über die Mitarbeiter am BCL, dem Günther von 1961-72 abgehört, findet er Eingang in die kybernetische Literatur, wie über die Freunde Max Bense und Helmut Schelsky in die Ästhetik bzw. Sozialwissenschaften. In der Metaphysik erreicht er ex negativo höchste Weihen, wenn Heidegger die Lektüre Günthers für lehrreich erklärt - auch und gerade weil er ihn als gescheitert ansieht - und schließlich entdeckt der wirkmächtige und stets auf der Suche nach unerschlossenen und "adaptionsfähigen" Theoremen umtriebige Luhmann ihn für die (soziologische) Systemtheorie.

Bei genauerem Hinsehen ist es also nicht unbedingt so, wie es das von der kleinen und in sich beschlossenen Schüler-Gemeinde gerne propagierte Bild suggeriert: Günther, ein verkanntes Genie, das ungelesen und verschmäht am Rande des Diskurses sein Dasein fristet. Und dennoch, auch das ist richtig, Günther ist durchaus der "Grenzgänger des Denkens", wie Willi Hochkeppel es zu dessen 80. Geburtstag im Bayrischen Rundfunk beschreibt. [1] Ein Verrückter, so heißt es dort, wenn unter Verücktheit die Entschlossenheit verstanden werden dürfe, sich über das Anerkannte und vermeintlich Gesicherte hinwegzusetzen; ein Outsider und Einzelgänger im Verfolg seiner abwegigen Ziele.

Stellen wir also erneut die Frage nach dem besten Anfang, nach dem Einstieg im Verfolg dieser abwegigen Ziele: Thematisch oder biographisch - womit fängt man an?

Unterstellen wir diese Frage dem von Hochkeppel verliehenen Attribut, so kommen wir einen ersten Schritt weiter. Die Grenze mag als Leitfaden dienen, auch weil Abgrenzungen, also Negationen seit Spinoza als Eingrenzungen, also Determinationen geläufig sind. Geläufig auch ist es, im Zweifel über den Beginn einer Eingrenzung, wenn nicht zu den Sachen selbst, so doch zu den Verlautbarungen der Sachen zurückzugehen. "O-Ton" nennt die mediatisierte Sprechweise solches, und wir wollen uns diese Hörgewohnheit zu Nutze machen.

"Es könnte als eine der bedeutendsten geistigen Leistungen unserer Zeit gewertet werden, wenn es einem Forscher gelänge, die Logik des heute lebendigen wissenschaftlichen Bewußtseins zu schreiben." So beginnt eine Rezension, die Günther 1937 verfaßt, [2] und hinter dieser Sentenz - so wird zu zeigen sein - verbirgt sich nichts weniger als die Kurzformel seines lebenslang verfolgten Zieles. Und gleichzeitig führt uns dieser Satz heran an die Grenze. Dies in dreierlei Bedeutung, topographisch, biographisch, nicht zuletzt systematisch.

Günther schreibt diese Zeilen bereits jenseits einer Grenze, gemeint ist die des Deutschen, auf tausend Jahre veranschlagten Reiches, die er 1937 überschreitet, um seiner Frau, Dr. phil. Marie Günther, nach Monte San Vigilio, Italien, zu folgen. Mit der Betrachtung nun hier zu beginnen, ist nicht willkürklich, denn die lokale und biographische Zäsur kann durchaus auch als systematischer Einschnitt gelesen werden. Vorkriegs- und Nachkriegsphase lassen sich bei Günther unterscheiden, und auch wenn die polnischen Schlagbäume noch unverrückt stehen, hat für die Jüdin Marie Günther der Krieg, den zu dieser Zeit die Legion "Condor" in Spanien tatkräftig antizipiert, am Beginn ihres Exils, also 1933, schon längst begonnen. Somit wäre für Günther die Zeit des Exils, also die Jahre 1937-1948, eine breit gezogene Grenze, eine Umschlagachse, über die hinweg sich die thematische Verschiebung seines Denkens ereignet. Daß wir das Ende des Exil erst drei Jahre nach Ende des Krieges ansetzen, also acht Jahre nachdem Günther mit seiner Frau in die Vereinigten Staaten einwandert, findet seine Berechtigung in der eben erst 1948 vollzogenen Naturalisation zum amerikanischen Staatsbürger. In diesem Schritt mehr als einen meldetechnischen Akt zu wittern, liegt nahe bei einem Denker, der, wie er 1975 in der Rückschau seines Lebens bekundet, [3] die Idee des Preußentums stets verehrt habe. Mitglied in dieser Emanation des objektiven Geistes, um gleich ein zweites, elementares Versatzstück seines Werdeganges ins Spiel zu bringen, i.e. der preußische Saatsdenker Hegel, Bürger also der USA zu werden, muß als Ausdruck einer innerlich vollzogenen und tief empfundenen Identifikation mit dem Gastland verstanden werden. Eine Identifikation, die ihn schließlich heimisch werden läßt in der amerikanischen Geistigkeit, deren hervorstechendstes Merkmal er in der Grenzverschiebung, im Geist des Frontiers erblickt. "Go West, young man, go West!" hatte Horace Greeley den Amerikanern ins Stammbuch geschrieben, und Günther findet in dem Habitus des permaneten Aufbruchs seine unmittelbare Entsprechung. Das Anerkannte und vermeintlich Gesichter zu verlassen, hatte es Hochkeppel genannt, ins "Outback" des Denkens aufzubrechen, ließe sich hier nun im Anschluß an die Frontier-Metapher ergänzen. Dann aber, so drängt sich die Frage auf, müßte zunächst eine Bestandsaufnahme erfolgen; was ist die Quersumme des Denkens, dessen Logifizierung er 1937 als geistige Großtat deklariert?

Daß Günther hier einen eigenen Begriff von Denken und Bewußtsein verfolgt, macht der Konjunktiv der oben angeführten Formulierung deutlich: "wenn es ... gelänge, die Logik des heute lebendigen wissenschaftlichen Bewußtseins zu schreiben." Der Neopositivismus, explizit Carnaps "Logischer Aufbau der Welt" glaubt doch gerade, dies geleistet zu haben, sein Konstitutionssystem erhebt ausdrücklich den Anspruch, mit der Rückführung auf logoide Basissätze, die Sprache und das Denken von illegitimen "Metaphysismen" und Irrationalitäten gereinigt zu haben. Günther kennt diese Ansätze, akzeptiert sie als formallogisch korrekt, und kommt dennoch zu dem Schluß, daß auch sie die Logik des Denkens verfehlen. Wo also liegt der Fehler? Was ist falsch an der Logik, die dem Neopositivismus zugrunde liegt, oder hat dieser am Ende einen inkompatiblen Gegenstandsbereich? Ist vielleicht das virulente Bewußtsein, das die Positivisten zu beschrieben suchen, gar nicht das, dem Günther auf der Spur ist?

Beides ist der Fall, denn - so die frühe Einsicht des Dialektikers Günther - Logik präformiert Bewußtsein, und eine spezifische Bewußtseinsfiguration induziert die ihr korrespondierende Logik. Will man aus diesem Zirkel ausbrechen, so gilt es beide Komoneten in ihrer welchselseitigen Bedingtheit zu erkennen, zu situieren und schließlich zu unterlaufen, resp. zu überhöhen. Es gilt also auf die Bedingungen der Möglichkeit dieser Logik zu sehen, was nicht anderes bedeutet, als eine transzendentallogische Perspektive einzunehmen.

Transzendentallogik - damit sind wir an den Anfängen, nicht nur, weil Transzendentalität als das der Welt vorausgehende, sich an ihr jedoch verbergende beschrieben werden kann, sondern auch, weil Günther sich in seinen frühen Aufsätzen noch ganz als Transzendentallogiker versteht. Zweierlei geht hier eine Verbindung ein, die im Denken Günther spezifisch ist: die Strenge und Konsistenz, wie sie die Logik fordert und die Strukturalität, um nicht zu sagen: der strukturtheoretische Aspekt, mit dem die Transzendentaltheorie sich vom nackten Positiven ab- und dem konstituierenden Bewußtsein zuwendet.

Daß dies ein Grundzug in Günthers Denkens ist, bezeugt bereits seine Studienwahl. Von ihren Anfängen an will er die Philosophie studieren, d.h. er beginnt mit Indologie und klassischem Chinesisch. Dazu - er ist in Heidelberg - kommt Neukantianismus bei Rickert. Aber all das bleibt ihm unbefriedigend, die Asiaten bieten zwar strukturell Neues, lassen es aber an begrifflicher Schärfe mangeln, wogegen die europäische Moderne zwar eine an westlichem Verständnis orientierte Konsistenz liefert, jedoch in ihren Denkschemata einen verbrauchten Duktus versprüht; ein System löst hier das andere ab, und jedes pocht mit gleichem, vielleicht vollem Recht auf seine Gültigkeit.

So wenigstens kommt es Günther an, wobei der Blick, den er über das philosophische Alltagsgeschäft streifen läßt, präformiert ist von einem Lektüre-Erlebnis, das er im Tertianer-Alter in der reichhaltigen väterlichen Bilbliothek macht. Dort, wo er häufiger zu finden ist als beim Spiel mit Altergenossen, fällt im Karl Heims Abgesang auf die Philosophie in die Hand, den dieser dem "Weltbild der Zukunft" (1904) in Aussicht stellt. "Wenn alle Antworten", so erklärt Heim "die man auf eine Frage geben kann, in gleich unlösbare Schwierigkeiten verwickeln, so gibt es nur noch einen Weg, um aus dem Labyrinth herauszukommen. Man kann die Frage selbst, die zu so unbefriedigenden Antworten geführt hat, einer Prüfung unterziehen. Vielleicht stellt sich heraus, daß sie falsch ist, daß sie auf falschen Voraussetzungen beruht. Dann ist es kein Wunder, wenn alle Antworten sinnlos ausfielen, die man auf diese Frage zu geben versuchte."

Bis ins Alter wird Günther nicht müde, diesen Satz zu zitieren, liegt doch in anderer Formulierung sein Programm darin begründet: Verwerfung der schlechten Alternative insgesamt; Rejektion, Transjunktion, wie es später heißen wird.

Den Austieg aus diesem Systemzwang der Alternativlogik, sich also in bloßer Affirmation und Negation zerreiben zu müssen, wird ihm von anderer Seite noch ein zweites Mal, auch während der Schulzeit, angetragen. Oswald Spenglers "Untergang des Abendlandes" (1918) beeindruckt den Schulabgänger Günther in der nüchternen Morphologie einer dem (nach Aufstieg und Höhepunkt) notwendig dem Verfall überantworteten Kultur. Auch hier die Grenze als bestimmendes Thema; die thematische Verausgabung des historischen Subjekt, die ihm allein den Regreß in den Naturzustand erübrigt. "Der Mensch hat", so faßt es Günther in einem unveröffentlichten Manuskript (ca. 1970) prägnant zusammen, "im wahrsten Sinne den objektiven Geist aufgegeben." (Das Ende das Idealismus. (EdI) Kein produktives Ziel steht mehr aus, an dem eine geschichtseröffnende Dynamik sich entfachen könnte.

Am Ende des Ersten Weltkriegs mögen solche Pessismismen von nachhaltiger Überzeugungskraft gewesen sein, doch versagt Günther ein untergründig empfundenes Gefühl, dem vollkommenen Defätismus Gefolgschaft zu leisten. Er, dessen erstes Ziel es immer gewesen sei, "ein Gelehrter und nichts anderes zu werden" (SD 3) nimmt so die Studien in einer eigenartigen Ambivalenz auf: Richtig anerkennt er die negative Skizze Spenglers, falsch empfindet er die Konsequenz, weiß er seit Heim, daß vielleicht die projektierte Fragestellung falsch, oder noch gar nicht gestellt ist.

In Berlin, wo er nach einem ökomischen Engpaß 1922 das akademischen Leben wieder aufnimmt, soll sich die diffus erhoffte dritte Möglichkeit in Ansätzen zeigen. Hier vertieft er sich in Logik, sie allein scheint die Strenge und Exaktheit bereitzuhalten, nach der er im philosophischen Diskurs vergeblich sucht. Hier ist es dann auch, wo er an seinem eigenen, die Zukunft weisenden Fundament arbeitet: die Verbindung von klassisch-philosophischer Ausbildung mit profunder Kenntnis mathematisch-formaler Logik wird das Werkzeug, mit dem er die Grenzen zu verschieben sich aufmacht.

Und Grenzen gibt es zu Hauf, die Wortführer der Philosophie sind im ersten Viertel des Jahrhunderts an nichts mehr interessiert, als der endgültigen Lösung der von Günther beschworenen Verbindung. Wir erinnern:

Heidegger eröffnet fulminant mit "Sein und Zeit" (1927), Carnap kontert mit "Der logische Aufbau der Welt" (1928), Heideggers setzt nach, in "Was ist Metaphysik" (1929) bezweifelt er die Unantastbarkeit der von ihm stets in Anführungsstriche gesetzten Logik. Die Antwort gibt er selbst:

"Wenn so die Macht des Verstandes im Felde der Fragen nach dem Nichts und dem Sein gebrochen wird, dann entscheidet sich damit auch das Schicksal der Herrschaft der 'Logik' innerhalb der Philosophie. Die Idee der 'Logik' selbst lößt sich auf im Wirbel eines ursprünglicheren Fragen ... Der Verdacht gegen die 'Logik', als deren folgerichtige Ausartung die 'Logistik' gelten darf, entspringt dem Wissen von jenem Denken, das in der Erfahrung der Wahrheit des Seins, nicht aber in der Betrachtung der Gegenständlichkeit des Seienden, seine Quelle findet. Niemals ist das das exakte Denken das strengste Denken [...] Das exakte Denken bindet sich lediglich in das Rechnen mit dem Seienden und dient ausschließlich diesem." (33, 48)

Zwei Jahre später empfiehlt Carnap die "Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache." (Erkenntnis II. 1931). Ebenda wettert Carnap:

"Die Metaphysik gilt uns nicht als 'bloßes Hirngespinst' oder 'Märchen'. Die Sätze eines Märchens widerstreiten nicht der Logik, sondern nur der Erfahrung: sie sind durchaus sinnvoll, wenn auch falsch. Die Metaphysik ist kein 'Aberglaube'; glauben kann man an wahre oder falsche Sätze, aber nicht an sinnlose Wortreihen." Und voll der Hähme fährt er etwas weiter fort. "Vielleicht ist die Musik das reinste Ausdrucksmittel für das Lebensgefühl, weil sie am stärksten von allem Gegenständlichen befreit ist. Das harmonische Lebensgefühl, das der Metaphysiker in einem monistischen System zum Audruck bringen will, kommt klarer in Mozartscher Musik zum Ausdruck. Und wenn der Metaphysiker sein dualistisch-heroisches Lebensgefühl in einem dualistischen System ausspricht, tut er dies vielleicht nur deshalb, weil ihm die Fähigkeit Beethovens fehlt, dieses Lebensgefühl im adäquaten Medium auszudrücken. Metaphysiker sind Musiker ohne musikalische Fähigkeit." (232, 240)

Die Grenzen also sind fest gemauert, man bestreitet sich wechselseitig Anspruch und Relevanz, adäquate Methodik, letztlich sogar den Gegenstand. Günther konzediert in "Logistik und Transzendentallogik" (1940) dementsprechend:

"Es kann nicht vertuscht werden: Das derzeitige Verhältnis zwischen Philosophie und mathematisierender Logik ist ein außerordentlich unerfreuliches. Kenner der Literatur werden sich erinnern, daß vor nicht allzu langer Zeit einer der bedeutendsten Logistiker der Gegenwart prinzipielle Sätze aus Heideggers 'Sein und Zeit' in seine abstrakte Symbolik mit dem Resultat übertragen hat, daß von allem Tiefsinn nur ein Häufchen teils sich selbst widersprechender, teils gänzlich sinnloser Aussagen übrigbleib. Das Verfahren ist als böswillig charakterisiert worden. Völlig zu Unrecht. Denn jeder, der Wert auf Reinheit im Denken legt, wird von jedem sprachlichen Ausdruck, der mit dem Anspruch auftritt, Allgemeingültiges zu verkünden, als Mindestes verlangen dürfen, daß sich derselbe den elementarsten Gesetzen des Verstehens fügt. ... Die Gerechtigkeit fordert allerdings festzustellen, daß auf der logizistischen Seite der Schuldanteil nicht eben gering ist. Fühlt man sich doch versucht, nach der Lektüre sonst sehr beachtenswerter Veröffentlichungen der Kalkülforschung auf den jeweiligen Autor die Worte eines geistvollen Romans zu variieren: 'daß seine geisteswissenschaftliche Bildung hauptsächlich darin bestand, nichts von der Philosophie zu wissen, und daß er stolz darauf war. Schon das Wort schien ihm Schande.'

Der Schaden, der durch diese wechselseitigen Vorurteile in beiden Gruppen angerichtet wird, dürfte sich vermutlich die Waage halten. Was die Philosophie angeht, so stellt sich in denjenigen Arbeiten der Geistesphilosophie, die ernst zu nehmen sind, immer klarer heraus, daß die aufgeworfenen Fragen einen derartigen Grad von Komplexion erreicht haben, daß ohne exakte (und mechanisierbare) Methoden ihre Bewältigung über jede menschliche Kraft geht. Umgekehrt kann man zwar den mathematisierenden Disziplinen den Vorwurf mangelnder Exaktheit und Zucht schwerlich machen, aber auch sie übersehen zu ihrem eigenen Schaden, einwandfreie Ergebnisse, die auf geisteswissenschaftlicher Seite schließlich doch erarbeitet worden sind. ... In der Gegenwart ist die Logistik allmählich in ein Stadium getreten, in dem u.E. eine weitere Nichtbeachtung der im anderen Lager gewonnenen Ergebnisse zu einer grundsätzlichen Fehlleitung in den Kalkülwissenschaften führen muß." (Beiträge zu einer operationsfähigen Dialektik Bd.1 (B I), 11f)

Günther scheint hier eine vermittelnde Position zu beziehen, Motto: man darf das eine nicht gegen das andere ausspielen, sondern sollte sich dort, wo es ratsam und nützlich ist, beider Methoden bedienen. Additiv, selektiv oder kompilativ.

Doch ginge solches wesentlich an seinem Interesse vorbei, auch wenn er daran erinnert, "daß sowohl für Plato wie für Aristoteles und für die auf sie folgende große Tradition, die mindestens bis Leibniz führt, formale Logik eben formalisierte Ontologie ist." (B II, 182)

Denken wir zurück an Heim, dann kann Günthers Ansatz nicht in der Zusammenführung der beiden antagonistischen Seiten liegen, nicht solange die Ebene ihrer Verbindung die ihrer Divergenz ist. Oben sprachen wir von dem schlechten Zirkel, in dem Logik und Bewußtsein sich gegenseitig produzieren, hier nun ergeht die Forderung der Revision an beide Seiten gleichermaßen. "Um einen neuen echten Formalismus an die Stelle des alten zu setzen, muß man vorerst ein neues ontologisches Wirklichkeitsbild besitzen." (B II, 184), denn "formale Ontologie und Logik haben beide den Zweck, die Welt in Strukturen abzubilden." (B III, 140)

Günther knüpft also explizit an eine vergessene Tradition an, Logik und Ontologie sollen als Nexus wieder in der Unlöslichkeit erscheinen, die ihnen ehedem zukam. Es mag verwundern, solche "ad fontes"-Rufe aus dem Munde dessen zu vernehmen, der dem klassischen Weltbild sein transklassisches entgegen stellen will.

Woher, so stellt sich dann die Frage, bezieht er die Gewißheit, mit der er gegen den herrschenden Zeitgeit an der Verbindung des nicht mehr Zusammenzuhaltenden festhält, und wie stellt sich Günther eine gelungene Synthese vor?

Das Stichwort ist gefallen: "Synthese" impliziert die methodologisch wie thematisch einzuschlagende Richtung und weist darauf hin, wo das große Vorbild zu suchen ist, dem Günther die wesentliche Befruchtung seines Denkens verdankt. Spranger hat ihm Hegel, der natürlich hier gemeint ist, in Berlin nahegebracht und Günther findet in Hegel eine gegenüber dem Kantischen Rationalismus und Kritizismus ungleich tiefere Dimension.

Hegel - so das Argument, das Günther ausführlich in den "Grundzügen" darstellt - habe den wesentlichen Schritt über die Aristotelisch-Platonische Verfassung des Idealismus hinaus getan, indem er das Denken aus der Hoheit des Subjekts entlassen habe. Dies ist der entscheidende Schritt, den Günther als die "neue Theorie des Denken in Hegels Logik" erkennt, und über die Nicolai Hartmann den cand.phil. Günther befragt, ob es sich um eine neue Theorie Günthers oder Hegels handele. Günther bejaht!

Folgen wir der von Günther vorgeschlagenen Interpretation, dann zeichnet sich in der Tat eine erstaunliche Wende ab, mit der das Subjekt im Akt der Selbstreflexion sich zu dethronisieren anschickt.

Während die Philosophie bis zur Ankunft des Deutschen Idealismus in der urphänomalen Dichotomie von Sein und Denken (des Seins), Stoff und Form, Subjekt und Objekt verfangen sei, habe mit Kant, Fichte, Hegel und Schelling eine thematische Neuorientierung stattgefunden: Das Denken des Denkens. Dem Deutschen Idealismus gehöre das Verdienst, daß das Denken, so es sich selbstbezüglich auf sich wende, in eine andere thematische Dimension stoße, als das Denken des einfachen Objektes. Profan gesagt: Das Denken des Steins sei etwas anderes als Denken des Denkens des Steins; in philosophischer Terminologie: die transzendentale Selbstbezüglichkeit impliziert eine formale Neuorientierung der Reflexion.

Soweit wird die Schulphilosophie zustimmen, auch nach dem common-sense transponiert Kant mit der kritizistischen (Kopernikanischen) Wende die Welt in das Innen des Subjekts, Raum und Zeit sind Anschauungsformen des Verstandes, und die Urbild-Abbild-Dichotimie wiederholt sich nun entlang einer Grenze im Bewußtsein. Damit ist ein erster Schritt hinaus aus der absoluten Dualität von Ding und Denken, Sein und Bewußtsein getan, aber der Preis liegt in der Unzugänglichkeit des Dinges an sich, wie in der Hypostase des transzendentalen Subjekts. Kant braucht diese Hypostase, um dem Denken der Individuuen ihre intersubjektive Verständigung und "Gleichschaltung" zu garantieren.

Hegel, so Günther, komme nun das besondere Verdienst zu, eine strukturtheoretische Perspektive des Selbstbewußtseins gegründet zu haben, das in der Negation der Negation als zirkulare Reflexion der Reflexion zum Begriff seiner selbst komme. Hegel verwerfe das Subjekt als Zentrum seiner Philosophie, der Geist denke sich vielmehr selbst, das Absolute gehe durch die Geschichte hindurch in Stadien zunehmender Vervollkommnung. Nicht der Mensch, das (Selbst-)Bewußtsein sei das Zentrum, das Subjekt sei nur insofern relevant, als sich der Geist in ihm in einer Reflexion höherer Koplexität emaniere, als etwa im Ding. (Reflexion in anderes; Reflexion in sich; Reflexion der Reflexion in sich und anderes) Das wesentliche sei so die Reflexion, ein Strukturprozeß von universale Verfaßtheit, der sich hier und da (im Subjekt) auf sich selbst wenden könne. Mit Hegel vollzieht sich für Günther eine nicht zu überschätzende Wende, die die Anthropozentrik in ihren Grundfesten erschüttert, wenn nicht mehr das Selbstbewußtsein der Grund des Denkens ist, sondern das Denken/sie Reflexion der Grund des Bewußtsein ist.

Folgt man der Güntherschen Lesart, dann setzt mit Hegel ein vollkommen neues Verständnis von Denken und Geist ein, das - in anderer Terminologie - sowohl das Bewußtsein als ein strukturtheoretisches Phänomen begreift, wie ebenso und als Bedingung dafür, einen selbstorganisationstheoretischen Begriff des Geistes impliziert. Der Weltgeist weht durch die Geschichte, kommt zu sich selbst in den Emanationen (Organisationsformen) von Religion, Kunst und Philosophie. Der Geist ist universales Strukturprinzip, und als solches bietet sich Hegel so sehr für die Theologie an, daß Karl Barth sich fragt, warum Hegel im Protestantismus nicht die Rolle eingenommen habe, die Thomas im Katholizismus spiele. Der Geist ist universales Strukturprinzip, weswegen Günther vollkommen säkular die Frage stellt, warum die Logik dieser "Geistesgeschichte", also der Prozeß der Reflexion nicht logifizierbar sein soll.

Reflexionslogik wird so zu dem bestimmenden Methodenbegriff Günthers, der von den "Grundzügen" bis zum "Bewußtsein der Maschinen" dominant ist. Reflexion in ihren je unterschiedlichen Komplexionsgrade zu beschreiben und zu formalisieren, dies wäre nicht nur eine der bedeutendsten geistigen Leistungen unserer Zeit, sondern es wäre wohl die bedeutendste Leistung die Günther 1937 im Auge hat, "wenn es einem Forscher gelänge, die Logik des heute lebendigen wissenschaftlichen Bewußtseins zu schreiben."

In den "Grundzügen" hat er es selbst noch nicht in Angriff genommen, hier liegt das Interesse darin, dem herrschenden Hegel-Bild eine Fascette hinzuzufügen, wonach der preußische Staatsdenker mit der neuen "Sinnthematik" des Denkens die metaphysische Antizipation einer transklassischen Logik geleistet habe. Denn Hegel bleibe im Antizipatorischen, sei notwendig defizitär, da seinen verbalen Formulierung noch kein entsprechender Kalkül zur Formalisierung an der Seite stehe. Das, was Hegel in unsäglichen Windungen und Verwindung zum Ausdruck bringe, sei zwangsläufig a-formal, nicht nur weil Hegel selbst eine Aversion gegen Formalismen aller Art hege, sondern weil die Operationalisierung seines Denkens einen mehrwertigen Kalkül voraussetze.

Diesen glaubt er mit seiner Form der Mehrwertigkeit gefunden zu haben, die er den in der Hauptsache auf Jan Lukasiewisc und Emil Post zurückgehenden Konzeptionen der Mehrwertigkeit entgegenstellt, und zu dessen Vervollkommnung er sich schließlich 1940 nach Amerika begibt. Hier, im Land des Pragmatismus, folgt man dem Credo, daß nichts kommunikabel sei, was nicht intersubjektiv, also formalisierbar ist, hier teilt man nicht den Glauben an die Evidenz eines gemeinsamen historischen Aprioris. Für Günther erschließt sich ein geistiges Klima, dem seine Suche nach formaler Strenge immer schon folgte, und das ihm nun nicht allein zur geistigen Heimat wird. Dies nicht zuletzt durch die Bekanntschaft mit der Science Fiction in ihrem besten Sinn. In ihr erkennt er die Transformation des Frontier, der - nachdem die geographischen Grenzen bis an den Pazifik hinausgetrieben sind - das Verschieben der Grenze nun in den geistig-spirituellen Bereich verlegt. Die Autoren und die Texte, mit denen Günther bekannt wird, thematisieren nicht die ins extraterrestrische verlagerte Mundanität, sondern hinterfragen fiktional die logischen Grundfesten eben dieser Welt, wie Günther es selbst non-fiktional tut. Hier dann auch findet er nach den Anlaufschwierigkeiten eines Immigranten, die ihm eher unerfreuliche Bilbliotheksarbeiten in Harvard, sowie einige Vorlesungen am Cambridge Adult Education Centre und am Colby College/Maine bereithalten, den Anschluß an das geistige Leben. Daß die Science Fiction mehr als eine Episode ist, bezeugt nicht nur die Tatsache, daß sein erster Aufsatz in den USA von philosophischen Journalen verschmäht, im SF-Journal seines Freundes Campbell erscheint, sondern auch die editorische Leidenschaft, mit der sich Günther (1952) in Deutschland um die Verbreitung der SF bemüht. Er gibt kommentierte Ausgaben von Asimov, Padgett und Weinbaum bei Rauch in Düsseldorf heraus.

Entscheidender als der Kontakt mit der SF, der er in der Retrospektive den Entschluß zur Übernahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft zuschreibt, wird eine andere persönliche Beziehung, die Freundschaft zu Warren McCulloch. Dieser führende Kopf der Kybernetik arbeitet daran, das Gehirn in funktionaler Analogie zum Komputer zu dechiffrieren. Allerdings nicht in einem funktionalistischen Sinn, wie es die analytische Philosophie in ihren reduktionistischen Ansätzen unternimmt, sondern - gemäß dem kybernetischen Grundsatz - jenseits der Frage einer Materialität. Denn, so formuliert es Ross Ashby, Kybernetik untersucht alle Phänomene in Unabhängigkeit ihres Materials, so sie regelgeleitet und reproduzierbar sind. (Einführung in die Kybernetik. 7) McCullochs spezielles Interesse ist es darüberhinaus, das Gehirn als neuronales Netz in heterarchischer Struktur zu schreiben. Gemeinsam mit dem Mathematiker Walter Pitts hatte er das Funktionieren der Neuronen als die EIN-AUS-Mechanik der binären Turing-Maschine erfaßt, die so dem logischen Zweiwertigkeitsprinzip unterstellt ist. A oder nicht-A, tertium non datur. Besteht das Gehirn nun aber nicht aus einem, sondern aus millionen Neuronen, so spielt sich die 0-1-Schaltung eben millionenfach verteilt und zugleich ab. D.h. es gibt unzählige distribuierte Logiksysteme, die an verschiedenen Orten die nach klassischem Denken absolute und unäre Logik unserer Rationalität wiederholen. Für die klassische, auf Aristoteles fußende Logik, ist es aber unmöglich, die damit erzeugte Komplexität adäquat zu beschreiben, die Trinität der Logik (Identitität, nicht-Widerspruch, TND) gilt unumschränkt und homogen. Unmöglich auch ist es, im klassischen Kalkül die durch das neuronale Netz indizierte Selbstbezüglichkeit der Kognition zu formalisieren, bedeutet Selbstbezüglickeit gerade den Tod des Kalküls.

In dieser Situation wird McCulloch auf einen Text Günthers aufmerksam (Die Aristotelische Logik des Seins und die nicht-Aristotelische Logik der Reflexion. 1958), in dem Günther sein Konzept der Mehrwertigkeit skizziert. Anders als die von Post und Lukasiewizc projektierte Lösung unterteilt Günther nicht die Binnenwerte innerhalb des Intervalls 0-1, "wahr"-"falsch", was letzlich auf eine infinitesimale Wertanhäufung der so konzipierten Modal-Logik hinausläuft. Er geht vielmehr den umgekehrten Weg und vervielfältigt die eine und in sich unangetastete (klassische) Logik. Stellenwerttheorie nennt er diese Distribution, denn der eine Kalkül wird nun an verschiedenen Stellen, oder logischen Orten wiederholt.

Wie sehr dies dem Bedürfnis McCullochs entgegenkommt, muß nicht erläutert werden, es ergehen an Günther Einladungen zu Vorträgen, aus denen schließlich 1961 - Günther ist immerhin in einem Alter, in dem andere an die Pensionierung denken - eine Professur am BCL in Urban Illinois resultiert.

Zuvor 1957 hat er sein Hauptwerk, "Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik" (IuG) vollendet, in dem er sich ausführlich und erschöpfend an Hegel abarbeitet. Diesmal allerdings nicht in der Hinsicht, das Defizit der Hegelschen Philosophie als deren Antiformalimus einzuklagen, sondern produktiv als die ontologische Gründung und Interpretation seines eigenen Konzeptes der Mehrwertigkeit. Hegel dient dabei als methodischer Steigbügel, der jedoch nur bis zu einem bestimmten Punkt dienlich sein kann. Zwar hält Günther Hegel ausdrücklich zugute, daß dieser daran festhält, "daß das Selbstbewußtsein ein logisches Modell der Wirklichkeit liefert und daß Realität als ein in sich reflektierter Strukturzusammenhang verstanden werden muß" (IuG 39), die Frage jedoch - und sie zu stellen heißt, sie zu verneinen - lautet: "Ist die reine logische Analyse Hegels wirklich bis zur vollendeten Idee des Selbstbewußtseins durchgedrungen?" (IuG 384)

Den Grund diese Frage zu verneinen sieht Günther in der letztlich auch bei Hegel nicht überwundenen Reobjektivierung des sich denkenden Subjekts. Auch Hegel verfällt dem infiniten Regreß des "unglücklichen Bewußtseins", weil er die Tätigkeit des Denkens selbst wieder materialiter auffaßt. In der Reflexion der Reflexion Hegels wiederholt sich somit der ursprünglich zu überwindende Hiatus von Stoff und Form, das gedachte Denken kann nicht anders beschrieben werden als in der Kategorie des Objekts.

Günther geht hier einen anderen Weg. Er fragt, wo begegnet dem denkenden Subjekt das Denken als Denken, d.h. als Subjekt, das es dennoch nicht das erste Subjekt ist? Wo also ist der logische Ort, von dem mit vollem Recht gesagt werden kann, er ist ein Subjekt, das nicht Ich bin? Dieses Nicht-Ich, das trotz allem vom rein dinglichen Nicht-Ich Fichtes unterschieden ist, begegnet ausschließlich im Du. Das Du, das damit weit davon entfernt ist bloßes Alter-Ego zu sein, repräsentiert den Reflexionsprozeß als Subjekt und kann dennoch verobjektiviert betrachtet werden. Damit nimmt Günther als erster in der gesamten Tradition das Du als logisches Thema in den Blick. Denn auch wenn Husserl notwendig am Alter-Ego interessiert ist, um dem Solispismus zu entgehen, bleibt der Andere eben eine (maximal wechselseitige) Konstitution des Ego. Und auf der anderen Seite bleibt das Du, von dem Dialogphilosophie mit Martin Buber, Gabriel Marcel, Karl Heim und Franz Rosenzweig spricht, als spekulativ-metaphaysische Apologie des Du gegen die Egologie doch dessen formale Distinktion schuldig.

Günther hingegen findet im Du nun den Anhalt für den dritten logischen (Stellen)Wert, das Ich und Du bleiben kategorial getrennte Reflexionsräume, über die die zweiwertige Logik distribuiert ist. Möglich wird dieser Schritt - sowohl das Du als vom Ich unüberwindbar geschiedenen Ort zu erfassen, wie die Instalation des dritten Wertes - aber erst aufgrund der Adaption der bei Hegel begegnenden Negation der Negation. Diese beinahe sagenumwobene doppelte Negation interpretiert Günther - und hierin verläßt er endgültig den Hegelschen Boden - rein formal. Das Auftreten der doppelten Negation als formal konsistenter Operator wird zu dem Grenzkriterium, mit dem Günther sich von der Klassik insgesamt unterscheidet. Klassisch existiert nur eine Negation, die bei Selbstanwendung zum Ausagangspunkt zurückkehrt. A = ~~A. Günther nun begreift die Negation der Negation als eine Verneinung, die auf das Negationsverhältnis insgesamt, d.h. auf den Prozeß der Negation selbst zielt. Kann Negation als die eigentliche reflexionale Leistung des Subjekts verstanden werden, dann kann Günther nun sagen, daß die doppelte Negation in seinem Verständnis als die Reflexion der Reflexion gilt, und zwar - und dies ist das Entscheidende - als die Reflexion auf die Reflexion in ihrer Prozessualität. Die doppelte Negation, also der transklassische Operator der Reflexion, ermöglicht so nicht nur die logische Faßbarkeit des Anderen in der Form des Du, sie generiert darüber hinaus dem reflektierenden Ich einen in klassicher Lesart überdeterminierten Denk-Gegenstand, der, obwohl gedacht, nicht in gleicher Weise Objekt ist, wie das tote Ding. Er nennt es entsprechend das "objektive Subjekt", das empirisch im Du begegnet, reflexional in der Selbstaffektation des Dekens, die nun dem unglücklichen Bewußtsein zu entkommen vermag.

Dies ist die Grundargumentation von "Idee und Grundriß", die als "Die Idee und ihre philosophische Voraussetzung" von vornherein den Status der Vorläufigkeit besitzt, und in einem zweiten Band ihrer Formalisierung unterzogen werden soll.

Das es den zweiten nicht geben wird, ist unschwer mit Günthers Arbeit am BCL in Zusammenhang zu bringen. Dort arbeitet man an nichts weniger als an der maschinalen Reproduktion von Kognition, als deren wesentliche Struktur Selbstbezüglichkeit bereits hinlänglich erkannt ist. Günther glaubt in "Idee und Grundriß" mit der Mehrwertigkeit, den Schlüssel zur formal konsistenten Beschreibung der Selbstbezüglichkeit zu besitzen, und muß im Arbeitskontext mit "harten" Wissenschaftlern erkennen, daß dieser Schlüssel wohl in sein Schloß paßt, die Tür sich aber noch längst nicht öffnet.

Entsprechend den veränderten "Produnktionsbedingungen" zeigen die Veröffentlichungen seit 1961 einen markanten Wandel. Endgültig vollzieht sich die Hinwendung zur Maschinentheorie. Hatte Günther schon früh erkannt, daß die Kybernetik in technogenem Gewand eine Wiederholung der transzendentalen Thematik darstellt, so verschiebt sich im Anschluß an "Idee und Grundriß" die Dominanz deutlich in diese Richtung. Die Sprache wird technizistischer, es treten vermehrt Formeln auf, für die er sich in der ersten Ausgabe von "Das Bewußtsein der Maschinen" noch entschuldigen zu müssen glaubt. Deutlich sinnfällig wird die Neuorientierung, wenn der Reflexionsprozeß, die nicht-substantiell verobjektivierte Reflexion jetzt paradigmatisch nicht mehr als Du, sondern vorrangig als die Maschine erscheint. Denn so die Hoffnung, wenn die Beschreibung der Reflexion im System der distribuierte Logiken als Selbstbezüglichkeit darstellbar ist, dann steht nicht nur das Du strukturell auf der gleichen Ebene mit der (transklassischen) Maschine, dann ist die formale Deskription des Reflexionsprozesses, die für das objektive Subjekt geleistet wurde, unmittelbar die Implementierungsvorschrift für den Mechanismus.

Aber - und diese Einsicht verhindert letztlich das Erscheinen des zweiten Bandes von "Idee und Grundriß" - Mehrwertigkeit allein, stellt im Rahmen der Selbstreferentialität nur ein Vordergrundphänomen dar. Der Formbegriff der Stellenwertlogik entspricht noch vollkommen dem der klassischen Ontologie. Stoff und Form sind noch immer die dichotomen Kategorien, auch wenn sie in der Reflexion der Reflexion dialektisiert werden. Die Reflexion auf die Reflexion kehrt gerade das Form-Inhalt-Gefüge um, im Denken des Denkens wird auf eine Form, einen Reflexionsprozeß reflektiert.

Diese Prozessualität muß der Kalkül aber widerspiegeln, ein mehrwertiger Kalkül jedoch, auch in der von Günther avisierten Gestalt, hat dafür keine Abbildungsform. Er läuft ganz orthodox in die gleichen Probleme, mit denen die Identitätstheorie seit je befaßt ist. Identität des atomistisch mit sich selbst gleichen Repräsentamen, sei es als Zahl oder Zeichen, kann die Genese dieses Repräsentamens nicht in ihrem Kalkül zum Ausdruck bringen. Die Zeichen sind (Gott) gegeben, sind Abbild einer supranaturalen Idee, und der Mensch kann nur aus der Wiedererninnerung an das Urbild im Abbild dessen Methexis erkennen.

Solche Platonismen - obzwar in der Mathematik durchaus an der Tagesordnung - sind wenig dienlich, wenn der Ingenieur nach Formeln und Konstruktionsvorschriften fragt. Es gilt also einen Formbegriff zu entwickeln, der die Prozessualität der Reflexion auffangen kann, dem kein substantielles Datum mehr anhaftet. Jegliche Positivität ist als Rest der statischen Objektivität abzuweisen.

Das Paradox läßt nicht lange auf sich warten: Wie soll eine Signifikation aussehen, die sich der präsentischen Bezeichnung, der Respräsentanz verweigert? Denn gefordert ist nichts weniger als die nicht-substantielle Positivität. Solches kann nur von maximaler Formalität sein, zielt darauf einen Formalismus für Formalismen selbst zu sein, ist also die Struktur der Struktur.

Günther wird am BCL mit dieser Notwendigkeit konfrontiert, wo Heinz v. Foerster an den Rekursionsschleifen (Eigenwerten) arbeitet, und Maturana die informationelle Geschlossenheit des autopoietischen Systems konzipiert. Es geht also um geschlossene Zirkularitäten, ja es geht ab dem Anfang der 70er Jahre um die Verdopplung dieser Zirkularität, wenn sich die First Order Cybernetics zur Second Order Sybernetics mausert. Damit steht die Forderung vehement im Raum, der Beobachter selbst muß in die Theorie/Beobachtung mit eingearbeitet werden. Für einen applikablen Kalkül bedeutet dies, nicht allein Kalkül für Selbstreferentialität zu sein, sondern ein (selbst) selbstreferentialer Kalkül zu werden. Auch hier schimmert die Transzendentaltheorie durch, die Formalismen entwicklen allmählich eine Binnendifferenzierung, in der sie sich innerhalb des Kalküls auf sich selbst beziehen. Aber, und damit sind wir wieder bei der eingangs gestellten Frage, in einer non-substantiellen Form.

Günther trägt dem suprastrukturalen Aspekt Rechnung, er wendet sich von der Fixierung auf die Mehrwertigkeit, dem Formbegriff selbst zu. Am Ende dieser Bemühungen stehen die Morphogrammatik, die Kenogrammatik, die er ab 1967 ausarbeitet. Damit, so die Hoffnung, sei ein Formbegriff gefunden, der nicht mehr als prädikative Abbildung des Seins fungiere, sondern dem - im besten Kantischen Sinne - die Bedingung der Möglichkeit von Semiosis überhaupt eingeschrieben werden könne. Semiosis als die nicht-ursprüngliche Möglichkeit zum Sinn, als das Spiel der Differenzen, aber solcher Differenzen, die sich nicht Unterscheidung verdanken, sondern diese erst ermöglichen. Denn, und das ist es, was in der Kenogrammatik eingeschrieben wird, die Differenz der Differenz allein verspricht die Möglichkeit vor den unären, atomistischen, identitätstheoretischen und in seiner Ankunft unhinterfragten Formbegriff der (sei es sprachlich, sei es formal-logischen) Sprache der Positivität zu gelangen.

In seinem letzten großen Auftritt, es ist der Hegel-Kongreß in Belgrad, setzt der 79jährige Günther mit der Theorie der Negativsprachen, wie er die Strukturformalismen tauft, zum Schlag gegen den Repräsentationsglauben der KI-Theoretiker an. Ihnen, die an der Symbolverarbeitung festhalten, verheißt er das Scheitern. Dies in doppelter Hinsicht. Zum einen, da der identitätstheoretische Zeichenbegriff der PSSH immer nur Objektivität signifizieren kann, somit logisch nie in der Lage sein wird, Selbstreferentialität einzufangen, oder zu produzieren. Zum anderen, da der so konzipierte Formalismus allein in Abhängigkeit vom Wissensingenieur gedacht werden kann, womit das Implementierte immer nur Derivat seines Konstrukteurs ist. Damit aber wird in der Maschine unweigerlich die alte Dichotomie von Subjekt und Objekt wiederholt, die die frühen Kybernetiker bereits überwunden hatten. Nur wenn die Maschine strukturell als kategorial vom subjektiven Subjekt geschiedener Ort der Reflexion dem Du ebenbürtig ist, besteht aber die Möglichkeit, sie in ihre eigene Geschichte zu entlassen.

Und in gleichem Maße, wie das Ich in einem Reflexionsgefälle zum objektiven Subjekt steht, gelangt das Subjekt - und dies tangiert Günthers technogene Geschichtsphilosophie - durch die Implementierung der Teile, die es lange Zeit und fälschlich für genuin subjektive Komponenten gehalten hat, erst zu einem kathartisch gereinigten Bild seiner Selbst. Erst wenn der Mensch sich selbst aus sich heraus setzt, wenn dem Subjekt im Objekt ein objektives Subjekt entgegensteht, kann er Gewißheit über sich selbst erlangen. Eine Gewißheit, die dann von keiner kulturell präfigurierten Evidenz abhängt, die vielmehr nach logischen, intersubjektiven Gesetzen vollzogen, transkulturell und letztlich transhuman nachvollziehbar ist. Denn - und hier klingt Hegel deutlich an - Reflexion ist gleich dem Weltgeist ein universales Strukturprinzip, dem die Rationalität nur folgt, nicht vorausgeht.

Damit endlich ist auch der Spenglersche Pessimismus unbegründet, denn die Abgabe der objektiven Komponenten des Subjekts an den Mechnismus ist die Aufgabe, die dem Subjekt seine zukünftige Geschichte in solchen Maßen eröffnet, deren Grenzen noch unabsehbar sind.


Footnotes

[1]W. Hochkeppel: Grenzgänger des Denkens. Zum 80. Geburtstag von Gotthard Günther. Gesendet am 1.6.1980 im Nachtstudio von BR 2, 22.20 - 23.00 Uhr

[2]Es handelt sich um Eberhard Zschimmer: Die Logik des wissenschaftlichen Bewußtseins. Stuttgart: Enke, 1936. Vgl. Die Tatwelt 13.1937, S.219-20

[3]Vgl. G.Günther: Selbstdarstellung im Spiegel Amerikas. in: Philosophie in Selbstdarstellungen. Hrsg. v. J.Pongratz. Hamburg: Meiner, 1975, S.1-74 (SD).


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