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"Kurt Klagenfurt"
Technologische Zivilisation und transklassiche Logik

Eine Einführung in die Technikphilosophie Gotthard Günthers
© Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1995

III
2. Stufen der Objektivierung des Geistes

In seiner Vision vom Untergang des Abendlandes deutet Oswald Spengler[ref] Geschichte als Auflehnung des Menschen gegen die Natur. Dabei unterscheidet er zwei Entwicklungsstufen. Die Erste, die primitive oder auch archaische Kultur ist ihm im wesentlichen Naturgeschichte. In ihr erschöpft sich die Bedeutung des Menschseins weitgehend im Biologischen; sie ist kaum mehr als natürliches Dasein. Hiervon hebt er die eigentliche Weltgeschichte als zweite Stufe ab. Sie besteht aus einer beschränkten Anzahl zeitlich und räumlich voneinander abgrenzbarer Hochkulturen. Sie erst machen die eigentliche Kulturgeschichte des Menschen aus. Als letzte Form dieser zweiten Stufe tritt die "faustische" Kultur des Abendlandes auf. Sie setzt sich weltweit durch. In Ihrem Zentrum steht die Technik. In der Gestalt des Ingengieurs findet sie ihrem symbolischen Ausdruck. Allerdings, so Spengler, neige sich mit ihrem Abschluß die Zeit der Hochkulturen ihrem Ende zu. Mit der vollständigen Emanzipation des Menschen von der Natur, personifiert in der Gestalt des Technikers, seien alle Möglichkeiten eines sinnvollen Daseins erschöpft. Es gebe keinen Impetus für eine fortschreitende, stabile Dauerentwicklung mehr.

Zunächst einmal, sagt Gotthard Günther, muß Spengler darin ernst genommen werden, daß ein evolutionärer Bruch stattgefunden habe, eine Zäsur, die Spengler als Differenz zwischen universaler primitiver Kultur und den regionalen Hochkulturen beschreibt. Mit ihnen sei die historische, wenngleich primitive Einheit des Menschseins verloren gegangen. Nun aber, am Ende des Hochkulturen, zeichne sich eine neue Einheit ab, die Weltgesellschaft. Und im Gegensatz zu Spengler müsse gezeigt werden, daß die metaphysische Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur noch nicht zu ihrem Ende gekommen ist. Ihr Medium und Motor ist die Technik, aber es ist nicht mehr die "faustische" Technik, die klassisch-mechanische Maschine, die Spengler noch im Sinn hatte, sondern eine neue Form der Technik, eine "intelligentere", die für Gotthard Günther durch die "transklassische" Maschine gekennzeichnet ist. Sie, nicht das Zurücksinken in einen geschichtslosen Zustand, charakterisiere die zweite von Spengler genannte Zäsur. Dementsprechend müssen nun drei welthistorische Entwicklungsstufen des Menschseins unterscheiden werden. Gotthard Günther spricht von Entwicklungsstufen menschlichen (Bewußt-) Seins.

Das primitive oder archaische (Bewußt-) Sein geht, so lautet die Argumentation, vollständig in seiner Außenwelt auf. Aufgehoben in einer mystischen Einheit von Selbst und Umwelt, kann es seine Wesensbestimmungen nur insoweit verstehen, als sie sich ihm direkt aus der objektiven Gegenstandswelt ins Bewußtsein züruckspiegeln. Seine eigenen seelischen Bestimmungen erscheinen ihm deshalb als Götter, Geister und Gespenster. Magie und Animismus, Totem und Tabu sind die entsprechenden sozialpsychologischen Korrelate. Günther bezeichnet diese Existenzform menschlichen (Bewußt-) Seins als Geschichte erster Stufe bzw. als einwertige Bewußtseinsform.

Folgt man dieser Argumentation weiterhin, so vollzieht sich der Übergang zur Geschichte zweiter Ordnung bzw. zur zweiwertigen (Bewußt-) Seinsform in den regionalen Hochkulturen durch Ablösung des Meschen von seiner Umwelt, durch die Trennung von Subjekt und Objekt. Der Mensch erfährt sich gegenüber seiner Umwelt als das absolut Verschiedene, als totale Negation der in die unermeßliche Vielfalt der Objekte aufgebrochenen Umwelt. Und zugleich entfaltet er eine über alle Maßen besitzergreifende, gestaltende und instrumentelle Beziehung zu ihr. Diese Form der Beziehung ist charakteristisch für alle regionalen Hochkulturen. Hierin stimmen sie strukturell überein, und hierin grenzen sie sich gemeinsam von der Stufe des Archaischen (Bewußt-) Seins ab. Worin sie sich aber voneinander unterscheiden, ist die inhaltliche Ausgestaltung und Begründung dieser Ablösung. Hier geht die faustisch-abendländische Kultur einen Sonderweg.

Während alle anderen Hochkulturen in ihren Objektivationsbemühungen im Bereich inhaltlich gebundener Subjektivität verharren und die inhaltlichen Substrate ihrer Kultur in die Umwelt projizieren, ihr in symbolischer oder institutioneller Form, sei es in der Religion, in der Kunst oder im Alltag, Geltung verschaffen, vollzieht sich in der faustisch-abendländischen Kultur der radikalste Projektionsschritt: die Übertragung des reinen, des inhaltsleeren Handlungsschemas des tätigen Menschen in die physische Wirklichkeit. Das ist die Geburt der Maschine. Im objektiven Ereignis der Maschinentätigkeit manifestiert sich das subjektive Erlebnis des Ingenieurs, der sie ersinnt. In unüberbietbarer Weise, ohne Ansehen von Lokalkolorit und Tradition, bringt die Maschine die differentia specifica der zweiwertigen Bewußtseinsform zum Ausdruck. In der Maschine verkörpert sich das innere Antriebsstreben aller Hochkulturen, die archaische Kultur dadurch zu überwinden, daß sie von der Idee der ontologischen Einwertigkeit zum Zweiwertigkeitsprinzip übergehen. In ihr manifestiert sich am überzeugendsten die Trennung von Subjekt und Objekt. Und hierin sieht Gotthard Günther zugleich den ontologischen Grund dafür, daß sich die abendländische Technik weltweit durchsetzen konnte: In ihr erkennt jede Hochkultur ihre je eigene metaphysische Antreibskraft wieder, die die einzelnen Kulturkreise trotz aller sonstigen Unterschiede miteinander verbindet. Deshalb auch, und weil die Maschine seelenlos und indifferent gegenüber dem historischen Apriori einer jeden Hochkultur ist, kann sie auf allen Kontinenten des Erdballs, sei es in Japan, im Iran oder anderswo, sich durchsetzen. Und in der Tat finden sich heute die "großen Theorien" nicht mer in inhaltlich formulierten Gedankengebäuden, wie in der traditionellen Philosophie, in Religionen usw., sondern in "leeren" Handlungsschemata, in formalen Kalkülen, materialisiert in Technologie. Die verlorene Einheit der Weltgeschichte wird auf dem Weg über die Maschine zurückgewonnen. Ihren Anforderungen gegenüber muß ein jeder sich gleich verhalten. Es ist die Technologie, die die Welt zusammenhält.

War bislang von der Maschine die Rede, so war die klassisch-mechanische Maschine gemeint, und die Trennung von Subjekt und Objekt war zugleich eine Trennung von Seele und Ding, eine Absonderung des Toten und Seelenlosen von Geist und Bewußtsein. Mit diesen Resümee leitet Günther zugleich seine Kritik an Spengler ein. Die Natur, von der sich der Mensch ablöste, war Dingwelt, umfaß lediglich deren unbelebte, geist- und seelenlose Objektdimension. Neben die Geschichte des reflexionslosen Weltverständnisses der zweiwertigen (Bewußt-) Seinsform aber muß treten, so Gotthard Günther, eine komplementäre Geschichte des Verständnisses selbstreflexiver Prozesse der mehrwertigen (Bewußt-) Seinsform. Hierfür sei es notwendig, die Kategorie des (absoluten) Subjekts in die Kategorie der über den Bereich des Ich (subjektives Subjekt) und des Du (objektives Subjekt) verteilten Subjektivität aufzulösen. Durch die Auflösung der philosophischen Denkfigur des absoluten Subjekts könne von nun an nicht mehr schlechthin von einer einfachen Subjekt-Objekt-Relation gesprochen werden, sondern es müsse präziser von mehreren möglichen Beziehungen zwischen verschiedenen Arten von Subjekten und dem Objekt gesprochen werden. Die formale Abbildung dieser Beziehungsstruktur und ihre Implementierung auf einer Maschine erfordert allderdings eine Logik höherer Ordnung als die der zweiwertigen, die formal nur dem Unterschied zwischen (absolutem) Subjekt und Objekt Rechnung trägt.

Die Theorie der klassisch-mechanischen Maschine, die Maschinentheorie zu Zeiten Spenglers basierte auf einem Wissen vom toten, reflexionslosen Objekt. Die Konstruktion der transklassischen Maschine, in ersten Ansätzen des Computers, schließ Aspekte ein, die bislang dem Bereich des Subjektiven zugesprochen wurden. Es geht dabei nicht um jenen Bereich des Denkens, der Ausdruck des je individuellen Ichs der menschlichen Subjektivität ist, dessen Privatheit als höchste Ausprägung des Besonderen gilt, sonder um das Allgemeine, das Objektivierbare im Denken. Daß dieses Problem als technologisches zur Disposition steht, charakterisiert für Gotthard Günther die zweite Spenglerische Zäsur. Sie leitet über zur Geschichte dritter Ordnung, bzw zur mehrwertigen (Bewußt-) Seinsform.

Die Entwicklung der transklassischen Maschine zeigt, so Gotthard Günther, dass das "tote" Objekt, der Mechanismus, fähig ist, Funktionen und Aufgaben zu erfüllen, die bislang dem mit Geist versehenen Subjekt vorbehalten schienen. Mit dem Computer entsteht eine Maschine, die über die Möglichkeiten der klassisch-mechanischen Maschine hinaus in der Lage ist, nicht bloss die Auflehnung gegen die Dingwelt zu vollsiehen, sondern, wie Günther formuliert, die Emanzipation des Subjekts von einem überlieferten, falsch verstandenen Subjektivitätsbegriff einzuleiten. Bereiche, die bislang als subjektiv-spezifisch und -konstitutiv erachtet wurden, werden aufgrund der Leistungsfähigkeit der transklassischen Maschine zu großen Teilen zu objektiven Eigenschaften der Umwelt. Der Prozeß dieser Korrektur, so ergänzt Günther, sei die zentrale Aufgabe der nächsten Epoche der Weltgeschichte. Der Computer stelle das Mittel dar, mit dem diese Aufgabe, die Trennlinie zwischen Subjektivität und Objektwelt zu verschieben, in Angriff zu nehmen sei. Aus der Beobachtung dessen, was der Computer tut, wenn er jene Leistungen vollbringt, die aus dem Bereich des Subjekts in den des Objektiven überführt werden, ergeben sich zugleich Rückschlüsse auf jene Kompetenzen, die nach wie vor im Subjekt verbleiben. Der Computer wird so zugleich zum Medium der Selbsterkenntnis.

Folgt man weiterhin der Argumentation Günthers, so löst sich das absolute Subjekt, die klassische Denkfigur der Philosophie, auf in zwei Komponenten, in ein subjektives und ein objektives Subjekt. Denk- und Verhaltensroutinen des objektiven Subjekts lassen sich auf Maschinen implementieren. Der Zusammenhang gesellschaftlicher Subsysteme, ihre Integration, kann durch Informations- und Kommunikationstechnologien vermittelt werden, ein Vorgang, der sich auf der Ebene des objektiven Subjekts abspielt. Das Denken und Verhalten des subjektiven Subjekts hingegen zerfällt in postmoderne Unübersichtlichkeit. Individuelle und kulturelle Beliebigkeit nehmen zu, allerdings auf der Basis einer Technologie, die die Vernetzung gesellschaftlicher Subsysteme weltweit sicherstellt. Sie ist die Manifestation der letzten "großen Theorie"; ihre "Wahrheit" stellt sich nicht kontemplativ, sondern als Konstruktionsprozeß her. Sie ist zugleich das trojanische Pferd des Eurozentrismus zur Durchsetzung der Weltgeschellschaft. Technologische Formation und Postmoderne und postmoderne Unübersichtlichkeit sind zwei Seiten derselben Medaille. Die verlorengegangene Einheit der Menschheit stellt sich nicht im Bereich des Subjektiven wieder her, sondern sie setzt sich vermittelt über Technologie durch. Wie der Mensch die klassische Technik zur Kompensation physischer Unzulänglichkeiten ergriffen hat, so wird er, entsprechend einer Vision Gotthard Günthers, die Computertechnologie entwickeln, um sich im kognitiven Bereich von Routinen zu entlasten. Sie eröffnet ihm Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten in einer Zukunft, die prinzipiell nicht voraussagbar ist. Ihre Gestaltung hängt ab vom Willen der Menschen, von jenem Bereich der Subjektivität, den Gotthard Günther als subjektiven bezeichnet und der nicht auf einer Maschine implementierbar ist. Er ist die Basis einer zunehmend weltweit sich vernetzenden Kommunikations-gesellschaft und sollte ihre weitere Entwicklung bestimmen. Den anteile auf die Maschine für das Ende der Metaphysik zu halten oder für den Untergang des Subjekts schlechthin, darin besteht nach Gotthard Günter der Irrtum eines naiven Humanismus, der nicht wisse, wovon er redet.


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