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"Kurt Klagenfurt"
Technologische Zivilisation und transklassiche Logik
Eine Einführung in die Technikphilosophie Gotthard Günthers
© Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1995

I
1. Operationale Theorie

[...]

In einem Selbstverständnis, das sich lediglich als Erkenntnistheorie begreift, wird die Übereinstimmung von theoretischen Modell und Realität dadurch erzielt, daß das Modell immer mehr zu der Realität angeglichen wird. Das Experiment dient dazu, die Eigenschaften der Wirklichkeit zu erforschen, um die Theorie legitimieren zu können. Das ist das klassische Selbstverständnis der Naturwissenschaften.

Tatsächlich also erfolgt die Anpassung von Theorie und Realität von zwei Seiten her. Das Modell wird nicht einfach der Realität angepaßt, sondern die Realität, die dem Modell entspricht muß erst produziert werden. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Plane Ebenen, auf denen Kugeln rollen, existieren nur, wenn Menschen sie Produzieren. Erst wenn eine solche künstliche Realität (in der Regel mit sehr hohem Aufwand) hergestellt wird, können die im Modell errechneten Bewegungen auch beobachtet werden. Theorien und Modelle, die auf diese Weise zustande kommen, sagen nichts über das "Wesen" der Natur aus, sonder über die Möglichkeit, Realitäten neu herzustellen. In dieser Hinsicht - bei der Schaffung neuer Realitäten - sind die klassischen Naturwissenschaften ungeheuer erfolgreich gewesen. Darin besteht ihr Wesen.

Die neuen Wirklichkeiten, die auf diese Weise entstehen, haben andere Eigenschaften als die Welt, die wir vorgefunden haben. Die neue Welt funktioniert tatsächlich nach den Modellen der "Natur"-Wissenschaft. In einer solchen Welt der Maschinen soll die Zukunft eindeutig und berechenbar, der Zufall ausgeschaltet, die Zeit linear, der Raum homogen, das Ganze meßbar sein.

Eine Theorie, die eine solche Welt abbildet und handhabbar macht, ist eine operationale Theorie. Sie unterscheidet sich von einer nur auf Erkenntnis gerichteten Theorie durch ihren Bezug zur Wirklichkeit. Sie ist auf unmittelbare praktische Umsetzbarkeit gerichtet. Die Verleugnung des operationalen Charakters von Theorie führt zu einer Selbsttäuschung. Faktisch ist sie Handlungstheorie, aktiv, praktisch; ihrem Selbstverständnis nach Erkenntnistheorie, passiv, kontemplativ. Mit ihr hat sich das Subjekt, der Schöpfer dieser Theorie, seinem Selbstverständnis nach aus dem Weltzusammenhang herausgelöst und steht diesen betrachtend gegenüber. Da es selbst in dem Bild, das es sich von der Welt mach, nicht enthalten ist, ist es notwendig blind gegenüber der eigenen Praxis. Bei einer solchen Sichtweise hat die Beziehung der Theorie zur Wirklichkeit, zum Sein, den Charakter einer Einbahnstraße. Es geht darum, Erkenntnisse über eine objektiv vorhandene Welt zu sammeln, also herauszufinden, wie die Welt "wirklich" ist. Erkenntnis und Welt stehen in einem hierarchischen Verhältnis: Die objektive Welt, das Sein, ist das Primäre, der Maßstab; die Theorie hingegen ist das Sekundäre, ist Reflex und Abbild.

Der Wirklichkeitsbezug einer operationalen Theorie ist hingegen komplexer. Die Hierarchierichtung zwischen Wirklichkeit und Theorie ist doppelsinnig. Denn eine solche Theorie beschränkt sich nicht auf den (im Hinblick auf das Sein) passiven Abbildungsprozeß, sonder zielt auf Gestaltung und Veränderung des Seins. Die Theorie bestimmt ebenso das Sein, wie das Sein die Theorie bestimmt. Weil letztlich jede Theorie in irgendeiner Weise auf die Realität zurückwirkt, muß die Funktionsweise einer operationalen Theorie genauer spezifiziert werden. Immerhin hat sich die Operationalität in der abendländischen Theoriebildung als so mächtig erweisen, daß sie sich weltweit gegen alle anderen Theorien und Kulturen durchsetzt, eine Weltgesellschaft konstituiert.





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