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"Kurt Klagenfurt"
Technologische Zivilisation und transklassiche Logik
Eine Einführung in die Technikphilosophie Gotthard Günthers
© Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1995

II
1. Technologische Integration

Operationalität in der Abendländischen Theoriebildung manifestiert sich schliesslich als Technologie. Technologie meint hier die um Wissenschaft (logos) erweiterte Technik (techné). Aber nicht allein eine Symbiose, in der Techniker die für die Wissenschaft nötigen Maschinen konstruieren und Wissenschaftler die theoretischen Grundlagen dieser Technik liefern, soll dieser Begriff bezeichnen. Vielmehr wirkt Technologie als ein allgemeines Prinzip: Wechselseitig produziert sie Modelle und Realität, wobei die dabei entstehenden technologischen Systeme nicht nur über die physischen Fertigkeiten des Menschen, sondern in zunehmendem Masse auch über seine sozialen und kognitiven Fähigkeiten verfügen. Technologie bezeichnet ein spezifisches gesellschaftliches Projekt, das sich, ausgehend vom Abendland, weltweit durchgesetzt hat.

Dieses Projekt sichert dem Menschen den instrumentellen, erfolgskontrollierten Zugriff auf Natur, auf innere und äussere. Dieser Zugriff ist zunehmend technikvermittelt, nicht nur in der Beziehung des Menschen zur Natur ausserhalb seiner selbst, sondern auch zu seinesgleichen. Seine Sozialbeziehungen nehmen, je stärker gesellschaftliche Subsysteme ausdifferentiert werden, um so mehr die Form von Ritualen und unhinterfragten Routinen an. Dieser Prozess wird so weit vorangetrieben, dass zwischenmenschliche Beziehungen, soziale Figurationen schliesslich ganz auf Maschinen übertragen werden können. In diesem Zusammenhang lassen sich deshalb auch drei soziale bzw. soziotechnische Figurationen unterscheiden: Beziehungen neben der Technik, Beziehungen mittels der Technik und Beziehungen in Gestalt der Technik. Letztere gewinnen immer stärker an Bedeutung.

Wenn das Verhältnis von Technik und Gesellschaft thematisiert wird, dann oft in folgender Weise: Technik verändert sich und Technik breitet sich immer mehr aus. Die Veränderungen in der Technik haben Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Aufgabe sozialwissenschaftlicher Beschäftigung mit Technik ist dann die Abschätzung von Folgen, die sich aus den Veränderungen im Bereich der Technik für die gesellschaftlichen Verhältnisse ergeben. Daher kann diese Betrachtungsweise adäquat durch den Terminus "Technikfolgenabschätzung" bezeichnet werden.

Kann die Abschätzung von Folgen mitunter durchaus Hinweise für die Wünschbarkeit von Veränderungen geben, so sind gegen diese Betrachtungsweise dennoch zwei prinzipielle Einwände angebracht: Erstens thematisiert Technikfolgenabschätzung das Wirkungsverhältnis von Technik und Gesellschaft in einseitiger Weise. Die Technik erscheint als das bewegende Moment, die Gesellschaft muss darauf reagieren. Die Technik entwickelt sich nach einer "Sachgesetzlichkeit", einer schicksalhaft erlebten Eigendynamik, der die Gesellschaft ausgeliefert erscheint. Zweitens sitzt die einseitige Thematisierung einer erkenntnisleitenden Dichotomie auf: Auf der einen Seite die "Sachgesetzlichkeit" der Veränderungen im Bereich der Technik, auf der anderen Seite Subjekte, die sich in irgendeiner Weise zu dem Objekten verhalten.

Mit dem Begriff der "technologischen Zivilisation" grenzen wir uns von einem solchen Technikverständnis ab. Zu sagen, dass Gesellschaft technisch vermittelt sei, reicht nicht aus, wenn damit ein bloss äusserliches Verhältnis von Technik und Gesellschaft gemeint ist. Mit dem Begriff der Technologischen Zivilisation soll Technik als gesellschaftliches Projekt thematisiert und zugleich ausgedrückt werden, dass Technologie heute zunehmend Gesellschaft konstituiert. In diesem Sinne sind Technik und Gesellschaft wechselseitig ineinander enthalten.

Technik erscheint im klassischen technik-soziologischen Ansatz noch in verdinglichter Form, als fertiges Produkt der Ingenieurstätigkeit. Der Entstehungszusammenhang und die in der Technik enthaltene Gesellschaftlichkeit sind in dieser Betrachtungsweise ausgelöscht. Damit entzieht sich aber der Prozess der Entstehung von Technik der Reflexion, Technik erscheint als Schicksal, Praxis als Vollzug gegebener Sachzwänge. Die Reflexion darüber reduziert sich auf die Verwendung von Technik.

Mit einer solchen Position kann die reale gesellschaftliche Bedeutung von Technik, um die es in der Technik-Soziologie gehen sollte, nicht thematisiert werden. Technik, verstanden lediglich als Objekt, als Ding, ist neutral, ihre politische Dimension reduziert sich auf die Frage des "richtigen" Einsatzes. Technikethik verkümmert nur allzu leicht zum moralischen Problem individueller Beteiligung: Muss ich als kritischer Wissenschaftler bei bestimmten Projekten meine Mitarbeit verweigern? Die Frage ist bereits Ausdruck einer Verkehrung von Zweck und Mittel in der Technik: Technische Systeme, technische Logiken sind die Akteure, die sich der Menschen als Mittel bedienen. Die technische Logik schickt sich an, traditionelle Instanzen wie Markt und Geld, die die Integration gesellschaftlicher Individuen, (Personen, Unternehmen, Institutionen, Interessengruppen etc) leisten, immer mehr zu ersetzen. Die Frage, ob ich mitmache, hat die Dominanz der technischen Struktur schon akzeptiert und sucht nur noch einen individuellen Ausweg.

Das gesellschaftstheoretische Defizit liegt darin, dass die gesellschaftliche Totalität der Techno-Logik, ihre aktive gesellschaftliche Potenz durch eine an der erkenntnistheoretischen Polarität von Subjekt und Objekt orientierten Begrifflichkeit hindurchfällt. Hier offenbart sich ein ganz grundlegender Mangel im wissenschaftlichen Weltbild, der verhindert, dass die gegenwärtige technologische Realität theoretisch angemessen erfasst werden kann.

Die Auflösung des verdinglichten Technikbegriffs wäre die erste Voraussetzung, um die gesellschaftlichen und ökonomischen Bewegungen wieder in den Bereich des menschlichen Handelns zurückzuholen. Dies kann nicht appellativ geschehen. Verharrt Kritik in der an der Polarität von Subjekt und Objekt orientierten Begrifflichkeit, so bleibt sie notwendig "subjektiv" im Sinne vom Willkürlichkeit, und die "objektive" Sachgesetzlichkeit wird ihre Macht behaupten. Kritik muss versuchen, mit der Logik der Technischen Systeme auch ihre eigene Logik in Frage zu Stellen.

Die Schranken der Polarität sind ein Problem, das weit über die Technik-Soziologie hinausweist. Die rigide Subjekt-Objekt-Dualität ist schon lange zu einer Behinderung auch in anderen Disziplinen geworden, wie zum Beispiel in der theoretischen Physik, den theoretische Biowissenschaften, der Logik und Mathematik oder der Informatik. So sind die Schwierigkeiten der Physik, die damit zusammenhängen, dass von Einfluss des Beobachters auf die Beobachtungssituation abstrahiert wird, selbst schon wieder fast klassisch zu nennen, wie zum Beispiel in der Quantenphysik. Ebenfalls steht die klassische Subjekt-Objekt-Differenz hinter der heftigen Kontroverse um die Frage der Künstlichen Intelligenz: "Kann ein Computer die menschliche Intelligenz erreichen?" Hinter diese Frage steht die Entweder-Oder-Altalternative: Ist der Computer nur ein, wenn auch raffinierter, aber letztlich toter Gegenstand, ein Objekt, oder kann er menschliche Eigenschaften entwickeln. Die Diskussion wird deswegen so heftig geführt, weil - solange man sich an die klassische Logik hält - keine Vermittlung möglich ist. Entweder ist er "ein Rechenknecht, der nur sehr schnell addieren kann", oder ein Subjekt mit Bewusstsein und menschenähnlichen Fähigkeiten. Die schlichte Alternative, dass er weder das eine ist noch das andere, liegt quer zur traditionellen Begrifflichkeit.

Für die Entwicklung eines Begriffs der technologischen Zivilisation ergibt sich durch die geläufige Subjekt-Objekt-Polarität folgendes Hauptproblem: Mit dem Begriff sollen Technik als Gesellschaft und Gesellschaft als Technik thematisiert werden. Aber gerade Praxis, als die eben Technik Gesellschaft und Gesellschaft Technik ist, kann innerhalb der Polarität von Subjekt und Objekt nicht reflektiert werden. Hier ist entweder etwas Subjekt (Mensch) oder Objekt (Ding), und die Reflexion des Verhältnisses selbst bleibt willkürlich.

Wenn es "Dinge" oder "Sachen" sind, die die Gesellschaft bewegen, dann ist es folgerichtig, politische und ökonomische Handlungsalternativen mit Sachzwängen zu begrunden. Eine Sache übt jedoch von sich aus keinen Zwang aus. Die Ursprünge der "Sachgesetzlichkeiten" und ihrer Entwicklung können nicht erschlossen werden und erscheinen geheimnisvoll als "Marktmächte", als "konjunkturtechnischer Fortschritt" etc. Der zukünftige Verlauf kann dann nur von Wirtschafts- oder Technologieexperten prognostiziert werden, schicksalhaft wie beim Wetterbericht.

Die Subjekt-Objekt-Dualität (damit zusammenhängend die Dualität von Geist und Materie, von Leben und Tod oder Denken und Sein) ist konstitutiv für unser abendländischen Denken und unsere Wissenschaft. Um Subjektivität reflektieren zu können, die quer zu den einzelnen Subjekten (Menschen) und den Objekten (Dingen) liegt, muss die gesamte logische Grundlage des abendländischen Denkens in Frage gestellt werden.

Die Macht, die die klassische Theorie auf die Zukunft ausübt, auf ihre Gestaltung, hat die Illusion der totalen Machbarkeit der Welt genährt. Die Theorie erscheint als ein Werkzeug, dessen sich das Subjekt bedienen kann, so wie wir uns des Atlasses und der Berechnungsmodelle für Geschwindigkeit bedienen, um unsere Abfahrtszeit nach Hamburg festzulegen. In einem Werkzeugsverhältnis ist eine klare hierarchische Beziehung enthalten. Das Subjekt handelt und bedient sich dabei des Werkzeugs als Objekt, das sich seinem Willen fügt. Das Werkzeug erscheint hierbei als passiv und neutral. Ob mit dem Werkzeug "Gutes" oder "Schlechtes" verrichtet wird, hängt allein vom Subjekt ab. Betrachtet man ein isoliertes Verhältnis, ein individuelles Subjekt und sein Werkzeug, jemand, der einen Hammer benutzt, um einen Nagel einzuschlagen, oder einen Atlas und eine Formel, um seine Reise zu planen, so mag dies weitgehend zutreffen. In gesellschaftlichen Dimensionen betrachtet, ist dieses Verhältnis eine Illusion. Hier ist längst nicht mehr eindeutig, wer Subjekt ist, wer Objekt.

Die Verkehrung der Subjekt-Objekt-Beziehung, die in unseren gesellschaftlichen Verhältnissen sichtbar geworden ist, die Verselbständigung der von den Menschen geschaffenen Strukturen ihnen selbst gegenüber, ist bereits in der dualistischen abendländischen Denkweise angelegt. Das Subjekt, das sich aus der Objektwelt abhebt, sich dem Sein als Ganzem gegenüberstellt, ist von bemerkenswerter Ambivalenz:
Einerseits ist die Distanz zur Welt die Voraussetzung für Operationalität. Kennzeichnend hierfür ist das Verhältnis des Schachspielers zu seinem Schachfiguren, seinen Objekten und Werkzeugen. Im gedanklichen Probehandeln, im Akt des Planens, werden die Elemente und Relationen wie Schachfiguren hin und her geschoben, um die optimale Lösung zu finden; sie sind in dieser Situation passive Objekte. Dies gilt selbst dann, wenn es sich um Menschen handelt. Auch diese werden unvermeidlich zu Objekten des kalkulierenden Subjekts. Diese Disposition hat den Menschen freigesetzt aus religiösen und traditionalen Bindungen, personifiziert in der Gestalt des freien, autonomen bürgerlichen Individuums. In seiner Autonomie liegt ein Stückchen göttlicher Allmacht, von der dann auch rege Gebrauch macht wurde. Die Welt wurde neu entworfen und gestaltet.

Andererseits hat sich das Subjekt durch seine Distanzierung von der Welt selbst aus seinen Theorien wie aus der selbstgeschaffenen Realität verbannt. Die eigene praktische Tätigkeit ist in dieser Theorie daher der Reflexion nicht mehr zugänglich. Die selbstgeschaffenen Strukturen können ungestört ihre Eigendynamiken entfalten. Die menschlichen Individuen haben auf den Selbstlauf der ökonomischen und politischen Entscheidungsprozesse so gut wie keinen Einfluss mehr. Im Gegenteil, es sind die Menschen, die sich der gesellschaftlichen Entwicklungsdynamik nur noch anzupassen haben. Diese zweite Seite, die individuelle Machtlosigkeit, ist ebenfalls bereits in der Subjekt-Objekt-Dualität enthalten. Diese Position, in der sich das Subjekt zu seiner Umwelt befindet, ist eine Setzung, eine logische Position, denn in der Realität bleibt das Subjekt immer mit der Umwelt verbunden, ist existentiell von ihr abhängig.

In der zweiwertigen Logik kann es keine andere Wahrheit geben, als die des Objektiven. Das Subjekt verleugnet sich und seine Tätigkeit, konzentriert sich darauf, jede Subjektivität aus dem Erkenntnisprozess herauszuhalten, um das objektive Sein so getreu wie möglich abzubilden. Das Subjekt wird zum Nichts, zur blossen Negation; alles Wissen, alle Wahrheit kommt von aussen.

Aufgrund der Blindheit gegenüber dem aktiven und konstruktiven Part des Subjekts kann die Konstruktion von "Natur"-Gesetzen nicht anders denn als Erkenntnis objektiver Tatbestände begriffen werden. Das Subjekt braucht und kann die eigene Praxis nicht reflektieren, es ist somit auch nicht verantwortlich für die Folgen seines Tuns. Derjenige, der die Wahrheit feststellt, ist für die Wahrheit nicht verantwortlich, ist nur Übermittler und nicht Urheber, somit selbst eher Objekt als Subjekt. Wissenschaftliche Tätigkeit kann in diesem Verständnis nicht als Produktionsprozess begriffen werden. In den Produkten ihrer Tätigkeit ist der Prozess ihrer Entstehung ausgelöscht. Möglich ist allenfalls eine Metareflexion, nicht aber eine Reflexion, die als Reflexionsprozess unmittelbar in den Prozess der Enstehung eingreift. Ebenso bleibt im verdinglichten Technikverständnis unsichtbar, dass in der Technik, in der formalen Logik oder in den formalen Systemen des Umgangs der Menschen miteinander, in den gesellschaftlichen Institutionen etc, der Mensch sich selbst begegnet, seiner eigenen Subjektivität, nicht seiner individuellen, aber seiner gesellschaftlichen.

Wenn in der von Subjekten produzierten Theorie die Subjektivität nicht mehr sichtbar ist, gerät diese Theorie zur "absoluten Wahrheit". Die Theorie verbirgt ihre eigene Enstehung. Dadurch erscheinen ihre Ergebnisse als wertfrei und neutral, nicht als Resultate zielgerichteter Konstruktion, sondern als blosses Abbild des Gegebenen. Und das Gegeben, das Sein - abstrahiert man vom Standpunkt des jeweils betrachtenden Subjekts - kann nur eins sein, das Objektive. Dieses ist für alle Einzelsubjekte gleich. Es gibt nur eine Wahrheit und die gilt absolut.

Die Dualität von Subjekt und Objekt gebietet, dass etwas Subjekt ist oder Objekt, ohne irgendeine Möglichkeit der Vermittlung dazwischen. Darum kann in dieser Logik auch nicht unterschieden werden zwischen einem vorgefundenen Objekt und anderen Objekten, die ihr Dasein menschlicher Tätigkeit verdanken. Ein Gedicht, ein Bild, Gedanken, Institutionen oder logische Strukturen sind logisch gesehen in gleicher Weise Objekte wie ein Stein. Der subjektive Anteil eines Produktes ist nicht mehr fassbar.

Eine solche Theorie ist blind gegen die Geschichte, gegen ihr Gewordensein; sie kann sich nicht selbst reflektieren. Eine Karte wird zum Beispiel angesehen als Abbild der wesentlichen Eigenschaften einer Region, und wir können sie zum Beispiel benutzen, um eine Entfernung zu ermitteln. Es kommt dabei aber nicht mehr in den Sinn, zu fragen, warum Kategorien wie Entfernung die wesentlichen Eigenschaften einer Landschaft seien, es sind vielleicht nur wesentliche Eigenschaften für uns und unsere strategischen Planungen. Hier erscheint der Alltagsgebrauch des Wortes "wesentlich" reflektierter als der Begriff des "Wesens", wie er in der Philosophie auftaucht. Im Wort "wesentlich" schwingt immer die Frage mit: Wesentlich für wen oder für was? Das "Wesen" jedoch ist absolut. Es kann nur eine Wahrheit für jedes denkende Wesen verbindliche Wahrheit geben. Die Wissenschaften stellen nach diesem Denkansatz Theorien und Modelle und formale Strukturen zur Verfügung, die neutral die Wirklichkeit abbilden. Jedem Subjekt steht es frei, sich dieses Instrumentariums zu bedienen, wie man sich zum Beispiel einer Karte bedienen kann, um eine Reise zu planen, um einen Lebensmittelkonvoi nach St. Petersburg oder Raketen nach Nordenham zu transportieren.

Durch die so konzipierte Dualität von Subjekt und Objekt werden zwei Bereiche gesellschaftlicher Wirklichkeit ausgegrenzt: Mögen die Theorien und Modelle sowie die Wirklichkeit, die sie produzieren, homogen sein, die Bedürfnisse, Interessen, Absichten und das Wollen der sich zu ihnen verhaltenden Subjekte sind es sicher nicht. Diese Unterschiede können in der klassischen Theorie weder abgebildet noch vermittelt werden; die Theorie gilt absolut, und sie ist hierarchisch. Der objektiven und damit allgemein verbindlichen Welt kann auch nur ein einheitliches Subjekt gegenüberstehen. Dieses steht ausserhalb des theoretischen Zusammenhangs und kann daher in der Theorie nur als eigenschaftslos auftauchen, als Leerstelle. Innerhalb der Theorie können die Äusserungen von Subjektivität nur als Störfaktoren begriffen werden. Subjektivität ist das Gegenteil der Objektivität, ist ihre &on-Standardegation.&enspIm wissenschaftlichen Erkenntnisprozess ist die Subjektivität weitmöglichst herauszuhalten, um das objektive Sein so getreu wie möglich abzubilden.

Der zweite Bereich, der ausgeklammert wird, ist der Bereich der gesellschaftlichen Integration der Einzelsubjekte. Hier kommt ebenfalls aufgrund der Subjekt-Objekt -Dualität zu einer folgenreichen begrifflichen Verwechslung. Die Abstraktion vom Prozess der Konstruktion der Theorie und von den Motiven der Konstrukteure bewirkt keine "subjektivitätsfreie" Theorie, sondern lediglich eine Abstraktion von individueller Subjektivität. Die Theorie wird intersubjektiv. Intersubjektivität und Objektivität werden umstandslos gleichgesetzt. Tatsächlich können Theorien als menschliche Produkte ihre Subjektivität nicht verleugnen, auch wenn sie aufgrund der Eigenschaft der Operationalisierbarkeit objektive Form annehmen. Allerdings objektiviert sich kein individuelles Subjekt, sondern ein gesellschaftlicher, historisches. Die Abstraktion von individueller Subjektivität schafft Strukturen, die intersubjektiv sind, das heisst für alle Subjekte verbindlich. Sie stellt einen wichtigen Schritt zur gesellschaftlichen Integration dar, wie sie für die bürgerliche Gesellschaft typisch geworden ist.

Die Abstraktion von Inhaltlichkeit, Zufälligkeit und Besonderheit schafft Strukturen mit den Eigenschaften der Eindeutigkeit und Universalität. Strukturen auf dieser Basis sind notwendige Instanzen der gesellschaftlichen Synthese. In den gegenwärtigen Gesellschaften - mit ständig wachsenden Bevölkerungszahlen, dem immer komplexer werdenden Vernetzungszusammenhängen auf der einen Seite, dem Abbau naturwüchsig entstandener Zusammenhänge der Familien, des Dorfes, der Regionen etc. auf der anderen Seite - wird die Bedeutung formaler Vermittlungszusammenhänge immer grösser. Für die Vermittlung und Integration der Subeinheiten einer Weltgesellschaft ist der universelle Charakter der Integrationsinstanzen unabdingbar. Die formale Logik beschreibt Verbindlichkeiten, die für jedes Mitglied der Gesellschaft, der diesen Formen der Rationalität und Abstraktion bewusst oder unbewusst folgt.

Die letzten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts sind gekennzeichnet durch das rasche Anwachsen der gesellschaftlichen Integrationssysteme, die auf Logik und auf Technik basieren. Die überkommenen gesellschaftstheoretischen Entwürfe verlieren zunehmend an Aussagekraft. Dieser sehr grundlegende gesellschaftliche Wandel wurde verdeckt durch die vordergründig im Mittelpunkt stehende "Markt" oder "Plan", "Kapitalismus" oder "Sozialismus". Der Auflöschungsprozess der "realsozialistischen" Staaten erscheint als Sieg der Marktwirtschaft. Tatsächlich ist jedoch die gesellschaftsstiftende Funktion des Marktes in den "marktwirtschaftlich" verfassten Gesellschaften zunehmend und unaufhaltsam zurückgedrängt worden. Andere Formen gesellschaftlicher Synthese gewinnen an Bedeutung. Zentral ist hierbei die gesellschaftliche Rolle der Techno-Logie.

Die Technik, die Logik, die beide, zunehmend vermittelt über Technologie, Gesellschaft integrieren. lassen kein sichtbares Subjekt der Integration mehr zu. Sie kommen in der Form von Sachzwängen daher. Gesellschaftliche Subjektivität wandelt sich in eine Vielzahl von Partikularinteressen, die miteinander konkurrieren. Eine Vermittlung solcher begrenzten Sicht- und Interessenlagen ist zwar auf technisch-logischer Basis möglich, stellt jedoch alles andere dar als eine allgemeine Vernunft, eine Verantwortung für das Ganze.

Der Staat als nationale Repräsentanz allgemeiner Interessen und, in immer stärkeren Masse, überstaatliche Instanzen wie die UNO, die EU stehen heute vor der schier unlösbaren Aufgabe, wie gesellschaftliche Syntheseleistungen bei zunehmender gesellschaftlicher Differenzierung politisch durchgeführt und legitimiert werden sollen. Naturwüchsige Formen gesellschaftlicher Integration wie der Markt, politisch als Laissez-faire-Prinzip formuliert, reichen offensichtlich nicht mehr aus. Andererseits lassen sich Regulierungen in Form politischer Planvorgaben nicht legitimieren, schon allein deshalb nicht, weil ihre Effizienz höchst umstritten ist. Die funktionelle Ausdifferenzierung sozialer Subsysteme führt in ein Dilemma: Die technologische Machbarkeit gesellschaftlicher Zukunftsentwürfe erhöht die Notwendigkeit politischer Steuerung. Sie wird aber zugleich verhindert durch deren zunehmende Selbstreferenz, die zugleich die Basis für ihre Effizienz ist. Die durch Mehrfachdifferenzierungen hervorgerufenen Überschneidungen, wie sie für entwickelte Gesellschaften charakteristisch sind, führen zu Widerspruchen, die mit dem Werkzeug der klassischen Entweder-Oder-Logik nicht bearbeitbar sind. Traditionelle Unterordnungsbeziehungen im Verhältnis der Subsysteme zueinander verlieren an Bedeutung. Neuere Steuerungstechniken, die der veränderten Situation gerecht werden, sind aber noch nicht in Sicht.

Das verdinglichte Verständnis von Technik und gesellschaftlichen Strukturen ist notwendiger Ausdruck des klassischen naturwissenschaftlichen Weltbildes. Dieser Sachverhalt ist nicht erst heute erkannt und kritisiert worden. Bereits der Deutsche Idealismus, insbesondere Hegel, hat die Dualität des Denkens durch eine dialektische Logik thematisiert. Wenn Marx die spezifisch bürgerliche Form gesellschaftlich wirkender Subjektivität im Kapitalismus analysieren kann, dann vor dem Hintergrund der Hegelschen Kritik am klassischen Weltbild. Aber so grossartig der Hegelsche Entwurf auch war und soweit seiner Zeit voraus, durchgesetzt hat sich zunächst die traditionelle, auf Polaritäten beruhende, zweiwertige Logik. Sie muss, so steht zu vermuten, etwas bieten, das die Hegelsche Dialektik nicht vermag. Das, was die klassische Logik von der Hegelschen Dialektik unterscheidet und worin ihre Macht und Bedeutung begründet liegt, ist die Tatsache, dass es sich um eine operationale Theorie handelt. Die praktische Bedeutung dieser operationalen Eigenschaften liegt wiederum in ihrer Fähigkeit, Technik hervorbringen zu können.


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