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3.3 Polykontexturalität


Wurde in den vorherigen Kapiteln implizit oder explizit mit Begriffen gearbeitet, die genuin Güntherscher Terminologie entstammen, so generierte sich das Verständnis in dem je geforderten Rahmen leicht aus der kontextuellen Setzung. Dies ist zwar im Anschluß an Wittgenstein - einen Begriff zu verstehen, heißt zu wissen, wie er verwendet wird - ein durchaus legitimes Verfahren pragmatisch-ostensiven Definierens1, jedoch darf darüber nicht vergessen werden, daß diese Termini einem ganz eigenen Kontext und einer ganz eigenen Genese entstammen. D.h. bei der zugestandenen heuristischen Kraft eines via Kontext geschaffenen Verständnisses, darf eine begriffliche Analyse nicht aus dem Auge gelassen werden, die darauf sieht, wie bestimmte Termini aus einem und für einen jeweiligen Kontext gebildet werden.

Dazu eine kurze Zusammenfassung des bisherigen.

Als ein Grundmotiv zeigte sich die Günthersche Abgrenzung von der klassischen, zweiwertigen Logik, die er als Formalisierung einer einwertigen Ontologie deklariert. Thema der klassischen Ontologie ist das Sein des Seienden und innerhalb der korrespondierenden Logik spiegelt sich dies darin wider, daß ihr nur ein designierender Wert zu Verfügung steht. Der zweite Wert, der als non-designativer nichts bezeichnet, gibt somit den Ort an, auf den das Sein abgebildet wird. Wird damit also zugestanden, daß, wenn Sein gedacht werden soll, es von irgendetwas/wem gedacht werden muß, so tritt dieses etwas, die Subjektivität qua Subjektivität aber nirgends als eigenständiges Thema in Erscheinung, sondern immer nur als Pseudo-Objektivität. Solange das Thema dieser Rationalität das irreflexive Sein ist, sind ihre Prozeduren widerspruchsfrei und entscheidbar. Wechselt aber das Thema und tritt neben das irreflexive Sein auch das Denken dieses Seins als Gegenstand des Denkens, so kann die klassische Logik diese Doppelthematik nicht mehr bewältigen. Es zeigt sich, daß das formale Gerüst mit nur einer Negation und nur einem designativen Wert zu schmal ist, um die auf sich selbst gerichtete Reflexion in ihrer Prozessualität abbilden zu können. Der Überschuß, der dem klassischen Denken erwächst, wird vielmehr in die schlechte Unendlichkeit der Iterationen von Metasprachen abgeschoben, die das Problem auf ewig vor sich herschiebt.

Mit dem hier skizzierten Bild der zweiwertigen Logik ist deren lokale und relative Berechtigung nun keineswegs bestritten, wie dies der Blick auf die Vermittlung verteilter Systeme ja deutlich erwies. Der enorme Erfolg der Technik wäre gänzlich unerklärlich, wenn die klassische Rationalität durch und durch phantasmagorischen Charakter hätte. Was bis hierhin gezeigt wurde und an dieser Stelle noch einmal hervorgehoben werden soll, ist lediglich, daß die klassische Logik hinsichtlich komplexer Strukturen versagt und prinzipiell versagen muß. Hierbei sind als komplexe Strukturen solche anzusehen, die Subjektivität als Subjektivität und nicht als objektiven Teil des Seins behandeln, die, anders ausgedrückt, Selbstreferentialität thematisieren. Das bedeutet jedoch nicht eine Transzendentalität der Subjektivität zu behaupten, sondern umgekehrt wird das transzendentale Subjekt traditioneller Theoreme säkularisiert", allerdings nicht im Sinne von seiend als irreflexives Datum. Die Günthersche Logik erweist sich somit als eine solche, innerhalb derer Subjektivität als Subjektivität konsistent und widerspruchsfrei formalisiert werden kann. Bereits diese Forderung nach einer Logik, die Subjektivität thematisiert, weist Günther als einen Logiker aus, der die Grenzen der Logistik, d.h. der rein formalen und im Formalismus immanent agierenden Logik, hinaus geht, insofern er Logik nie als Selbstzweck begreift, sie vielmehr immer als Interpretament und umgekehrt als Interpreten auffaßt. Er kritisiert vielmehr, daß durch die Verdrängung der Ontologie aus dem logischen Bewußtsein die dringend notwendige Kritik dieser Ontologie und ihre Erweiterung durch neue Fundamentalprinzipien völlig unmöglich geworden ist."2 D.h. für ihn gibt es keine Trennung von Logik und Ontologie, sondern die eine Seite muß immer auf die je andere bezogen sein, da sie einzeln ihre Daseinsberechtigung verlieren. Denn: Formale Ontologie und Logik haben beide den Zweck, die Welt in Strukturen Abzubilden"3 Es gilt also zu verhindern, daß die eine Seite sich, in ihrem eigenen Formalismus vergessen, von jeglicher Semantik verabschiedet, während die andere ohne die Möglichkeit zur formalen Abbildung sich in den diffusen Sphären der Spekulation verliert. An die Logik erhebt sich also die Forderung, daß sich für sie auch eine ontologische Interpretation finden ließe, durch die die philosophische Einheit der Logik gewahrt bleiben würde."4 Das bedeutet jedoch nicht, daß Logik und Ontologie zusammenfallen, sie sind vielmehr immer aufeinander bezogene Bereiche, deren Trennung aber deutlich nachvollziehbar bleibt. We shall define an `ontology' as an structural system in which the distinction between designating and non-designating values is inapplicable, and which is determined by nothing else but the number of values available. In an ontology all values designate. However, if values permit a division between designation and non-designation, the system in question may be considered a `logic'."5 Anhand dieser Bestimmung läßt sich deutlich erkennen, inwiefern Günthers Rede, auch wenn sie sich in scheinbar bekanntem Territorium bewegt, gleichzeitig immer eine Transformation der geläufigen Begrifflichkeit bedeutet, so daß das Auftreten klassisch determinierter Termini nie dazu verführen darf, in ihm einen Adepten traditioneller Metaphysik zu sehen. Ist also die Trennung und wechselseitige Bezogenheit von Logik und Ontologie deutlich, so soll nun, nachdem im Vorherigen der Gedankengang immer auf die Logik zurückkam, der Blick der damit korrespondieren Ontologie zugewandt werden. Als diese erscheint aber, insofern Ontologie nun als strukturales Schema begriffen wird, das sich gänzlich dem Bereich essentieller Wesenssuche" entzieht, die Polykontexturalitätstheorie.

3.3.1 Der Begriff der Kontextur

Das klassische Denken geht von der elementaren Voraussetzung aus, daß alles, was ist eine gemeinsame ontologische Basis hat, die mit dem Begriff Sein (hä ontos on) bezeichnet wird, d.h das formale Grundthema der klassischen Logik ist das Parmenideische, sich selbst gleiche, unmittelbare Sein-überhaupt, in dem alle Unterschiede des partikulär Seienden in ihren Grund und Ursprung zurückgegangen sind."6 Demnach ist die Wirklichkeit aller Objekte die gleiche, als Seiendes ist alles Wirkliche gleich. Um die Struktur dieses Seinsbegriffes deutlicher zu durchdringen, rekurriert Günther auf jene Anfangspassage der Wissenschaft der Logik, in der Hegel das Sein bestimmt. Sein, reines Sein - ohne alle weiteren Bestimmungen. In seiner Unmittelbarkeit ist es nur sich selbst gleich [...] Es ist nichts in ihm anzuschauen, wenn von Anschauen hier gesprochen werden kann [...] Das Sein, das unbestimmte Unmittelbare, ist in der Tat Nichts, und nicht mehr und nicht weniger als Nichts."7 Läßt sich die Identifizierung von Sein und Nichts solcheart aus den Bestimmmungen des Seins herleiten, so muß auch der umgekehrte Weg die Deckung beider Bereiche zutage bringen. Und in der Tat ist an gleicher Stelle bei Hegel zu lesen: Nichts ist somit dieselbe Bestimmung oder vielmehr Bestimmungslosigkeit und damit dasselbe, was das reine Sein ist."8

Auf dem Boden der klassischen, monothematischen Ontologie, deren Thema allein das Sein des Seienden (on hä on) ist, vollzieht deren Formalisierung, die zweiwertige Logik, die Identifikation des Positiven mit dem Sein, während die Negation als nicht-designierender Wert einzig in Form des inhaltsleeren Umtauschmechanismus in Erscheinung tritt. Hält man aber an der ontologischen Bestimmung Hegels fest, wonach Sein und Nichts struktural identisch sind, so muß auch die Logik als formalisierte Abbildung der Ontologie diesem Anspruch genügen. Tatsächlich findet sich eine solche Entsprechung innerhalb der Logik, es ist das oben bereits erwähnte Isomorphieprinzip Reinhold Bärs, demzufolge zwar jede Aussage von ihrer Negation verschieden ist, jedoch kein wesentlicher Unterschied zwischen einer Aussage und ihrer Negation besteht. Damit sind beide Bereiche, Sein und Nichts, Positivität und Negation, einerseits klar von einander geschieden, andererseits ist aber an die Stelle der Werthierarchie, die das Sein an ihre Spitze setzte, nun durch das Isomorphieprinzip eine Heterachie getreten, derzufolge es sinnlos ist, einem der beiden Bereiche eine bevorzugte Stellung einzuräumen. Es zeigt sich also, daß jede zureichende Darstellung der Wirklichkeit sich auf zwei logisch äquivalente und komplemantäre Aussagensysteme verteilt", wobei es prinzipiell unmöglich ist, sie auf ein einziges zu reduzieren."9 Hinsichtlich Positivität und Negativität kann also von zwei strukturell geschlossenen Bereichen gesprochen werden, die eindeutig voneinander unterschieden sind. Ein solcher Bereich aber wird von Günther als eine Kontextur definiert. Die klassische Logik als geschlossene Kontextur ist ein strikt zweiwertiges System, das durch die Prinzipien der irreflexiven Identität, des verbotenen Widerspruchs und das ausgeschlossenen Dritten bestimmt ist. Was dieses System nun zur Kontextur indem von uns intendierten Sinne macht, ist ein zusätzliches Postulat, das dem `tertium non datur' attachiert werden muß. Wir stipulieren nämlich, daß die Alternative von Affirmation und Negation so universal sein muß, daß sie durch keinen höheren Bestimmungsgesichtspunkt von Positivität und Negativität in der denkenden Reflexion überboten werden kann."10 Was hiermit gemeint ist, wurde bereits mit jenem Beispiel aus dem Substanzverlust des Menschen angesprochen, wonach sich die Alternative rot - nicht-rot in die allgemeinere Alternative von Farbe - Nicht-Farbe aufheben ließ, und dieser Prozeß immer unter einem je höheren Gesichtspunkt ad infinitum vorsetzbar ist. In diesem Sinne können wir von einer Hierarchie sich in ihrer Allgemeinheit stetig überbietenden `tertia non dantur' sprechen, von denen keines das letzte ist, sondern immer wieder durch einen Bestimmungsgesichtspunkt von stärkerer Universalität überboten werden kann."11 Das war gemeint, wenn zuvor von struktureller Geschlossenheit eines Bereiches die Rede war. Denn die infinite Reihe der jeweils übergeordneten Gesichtspunkte für eine bestimmte Alternative ermöglicht zwar eine inhaltlich immer detailiertere Differenzierung, bleibt aber, insofern sie nie aus trinitarischen Axiomatik der klassischen Logik ausbricht, in ihrer Struktur unangetastet. Unter Kontextur - um es noch einmal zu wiederholen - verstehen wir also einen zweiwertigen Strukturbereich, dem zwar durch seine Zweiwertigkeit eine strukturelle Schranke gesetzt ist, dessen Inhaltskapazität und Aufnahmefähigkeit jedoch unbegrenzt ist."12

3.3.2 Diskontexturalität

Im vorherigen Abschnitt wurden Sein und Nichts als zwei struktural geschlossene Bereiche, also als Kontexturen bestimmt, die einander disjunkt gegenüberstehen. D.h. daß die Möglichkeiten und Mittel, die innerhalb eines Bereiches zur Verfügung stehen, niemals dazu ausreichen, den Bereich zu verlassen. Hinsichtlich von Sein und Nichts ist dies völlig unproblematisch nachzuvollziehen. Jede logische Kette oder jeder arithmetische Zählprozeß, deren wir uns im Bereich des Seins bedienen, finden ein Ende, wenn wir versuchen, die Grenze vom Sein zum Nichts zu überschreiten. Man kann im Nichts weder Schlüsse ziehen noch zählen."13 Ist ein solcher Übergang mit den immanenten Mitteln einer Kontextur nicht möglich, d.h. kann ein Übergang nicht unter Aufgabe der ursprünglichen kontexturalen Struktur vollzogen werden, so stehen sich (mindestens) zwei Kontexturen diskontextural gegenüber. Diskontexturalität als der strukturelle Abbruch, der zwischen zwei Kontexturalitäten existiert"14, findet sich nun nicht nur zwischen Sein und Nichts, es lassen sich vielmehr, gemäß der unendlichen Vielfalt der Kontexturen, unzählige Diskontexturalitäten entdecken. Aber: It should be kept in mind that, if we postulate a polykontextural Universe, the barriers of discontexturality which now cut through this empirical world, have lost nothing of their intransigency by being multiplied."15 So spielte Diskontexturalität etwa in der Analyse der Subjektivität (Cognition and Volition) mit, insofern das Ich nie in der Lage ist, die Bewußtseinsräume des Du als seine eigenen zu erleben. Da dies in umgekehrter Weise auch für das Du gilt, findet sich hier ebenfalls die von Baer konstatierte Isomorphie der Kontexturen, die sie in ein Verhältnis symmetrischen Umtausches versetzt. Anders gewendet heißt dies, ist eine zweite Kontextur der ersten in dem von Bär beschriebenen Sinn also zweiwertig und undialektisch isomorph, dann lassen sich diese Prozesse in der zweiten Kontextur spiegelbildlich wiederholen. Das bedeutet nun, daß alle angeblichen Aussagen über das Nichts, in denen man sich negativer Aussageformen bedient [...], in Wirklichkeit nichts anderes sind als maskierte Aussagen über das affirmative reflexionslose Sein! Und wenn Sein und Nichts nur einfache Spiegelungen voneinander sind, dann können wir im Abbild nichts lesen, was wir nicht schon im Urbild erfahren haben."16 Damit ist aber deutlich, daß Diskontexturalität nicht eine Frage inhaltlicher Differenz oder Übereinstimmung ist, d.h. Kontexturen, die sich diskontextural gegenüberstehen, können durchaus mit den gleichen inhaltlichen Bestimmungen gefüllt sein, ohne daß dadurch ihre strukturale Grenze, und auf die kommt es einzig an, aufgehoben würde. Günther macht dies sehr schön an dem Beispiel von zwei Seelen und ein Gedanke"17 deutlich, wenn er darauf hinweist, daß auch die letzte inhaltlich-gedankliche Kongruenz nicht darüber hinweghilft, daß der eine Bewußtseinsraum (Ich) auf ewig vom anderen (Du) kategorial geschieden bleibt. Es mag an dieser Stelle der Einwand erhoben werden, daß die diskontextural beschriebene Trennung der Bewußtseinsräume von Ich und Du wenn nicht eine Trivialität, so doch ein dem klassischen Denken konformes Schema darstelle, da wohl niemand bislang an einer solchen Trennung gezweifelt habe. Darauf läßt sich zweierlei entgegnen. Zum einen bedeutet das Subjekt als Kontextur zu begreifen, daß sich diese Kontextur gleichrangig neben anderen isomorphen Kontexturen ausmachen läßt, da Kontexturen untereinander heterarch vermittelt sind. Solche isomorphen Kontexturen sind aber durch die Vielzahl der anderen Subjekte repräsentiert, womit diese, im Gegensatz zur klassischen Auffassung, erstmals als Subjekte thematisiert werden können, da sie als Du-Subjekt eben nichtmehr in der Form des Objekts auftreten. Ist Subjektivität also für ewig in vielen kleinen Ichzentren distribuiert"18, und sie als solche auch abbildbar, dann wird damit obsolet, und hierin liegt der zweite Unterschied zur klassischen Denkweise, daß das Subjekt der Erkenntnis ein hypostasiertes universales Subjekt ist, oder ein Bewußtsein-überhaupt, das unserem Denken Allgemeingültigkeit verleiht."19 Das transzendentale Subjekt als metaphysische Hypostase zu demaskieren, heißt somit, den Einheit spendenden, transpersonalen Bereich des Absoluten zu verlassen, der dem klassischen Denken notwendig erwuchs, um das Du des Anderen auf diffuse Weise nicht völlig dem Bereich der irreflexiven Objektivität überantworten zu müssen. Ist aber nun die Subjektivität des Ich sowie die des Du nicht mehr von einem absoluten Subjekt als dem eigentlichen" Träger der Subjektivität an sich" absorbierbar, so erscheint für die Logik der Gegensatz von Subjektivität und Objektivität in einem neuen Licht, insofern das zweiwertige Verhältnis von Subjekt und Objekt sich in einer Vielzahl von ontologischen Stellen abspielt, die nicht miteinander zur Deckung gebracht werden können."20 D.h. Ich und Du als diskontexturale Kontexturen zu begreifen, liefert allererst die gegenseitige Autonomie der Einzelsubjekte, da sie nicht mehr im transzendentalen Subjekt koinzidieren, und sichert als Konsequenz hieraus, die Autonomie der logischen Vollzüge in den Einzelsubjekten".21

3.3.3 Transkontexturalität

Wenn bislang von Diskontexturalität die Rede war, so wurde diese anhand der Gegensätze von Ich und Du, Sein und Nichts exemplifiziert. Hatte dies seinen legitimen Grund darin, daß bei diesen Beispielen der strukturelle Abbruch besonders drastisch zutage trat, so stellt die hier auftretende Diskontexturalität einen Spezialfall dar. Dies insofern, als sich beide Male ein Umtauschverhältnis zwischen beiden Seiten erkennen ließ, oder, um mit Bär zu sprechen, als die Kontexturen jeweils isomorpher Struktur waren. D.h. die bisher angeführten Diskontexturalitätsrelationen waren symmetrisch, also ungeordnet, da eine Ordnungsrelation immer Hierarchie impliziert. Die Frage, die sich also aufdrängt, zielt darauf, ob es über die beschriebenen symmetrischen Diskontexturalitäten hinaus auch asymmetrische, also nicht-umkehrbare, geordnete diskontexturale Relationen gibt, und wie sie, wenn dies der Fall sein sollte, strukturiert sind.

Daß es solche asymmetrischen Relationen gibt, bzw. geben muß, wird leicht nachvollziehbar, wenn unter kontexturalem Gesichtspunkt die Zeit thematisiert wird. Denn Zeit ist, strukturtheoretisch betrachtet, nichts anderes als die Aktivierung einer Diskontexturalitätsrelation zwischen Vergangenheit und Zukunft."22 Dies insofern als Vergangenheit und Zukunft struktural geschlossene Bereiche sind, die unüberschreitbar durch die Grenze der Gegenwart voneinander getrennt sind. Gegenwart aber bedeutet nichts anderes als der Übergang von einer Kontextur zur anderen"23, wobei der Übergang einen Strukturwechsel nachsich zieht, also den strukturalen Abbruch, die Grenze der Kontexturen markiert. Daß hier ein Strukturwechsel vorliegt, der eine Klassifikation von Zukunft und Vergangenheit als Kontexturen legitimiert, zeigt sich darin, daß Aristoteles für die Vergangenheit die Anwendbarkeit des TND konstatiert, für die Zukunft lediglich seine Gültigkeit.

Nun läßt sich hinsichtlich der Gültigkeit des Drittsatzes von einer symmetrischen Umtauschrelation sprechen, während die nur auf die Vergangenheit beschränkte Anwendbarkeit als Index der Diskontexturalität zu gelten hat. Gleichzeitig beinhaltet Zeit, als Übergang vom Alten zum Neuen aber auch ein Moment der Irreversibilität, denn das Neue ist nur deswegen neu, weil es nach dem Alten kommt."24 Mit der Zeit ist also einerseits eine Diskontexturalität gegeben, die andererseits eindeutig asymmetrische Strukturen aufweist.

Es wurde oben darauf hingewiesen, daß die Zeit, obwohl ihr eine asymmetrische Struktur zugrunde liegt, unter einem bestimmten Gesichtspunkt - hier war es die Gültigkeit des TND - auch als ungeordnete Diskontexturalität verstanden werden konnte. Betrachtet man nun die bislang eindeutige Isomorphie von Sein und Nichts, so erhebt sich der Verdacht, ob hinter dieser Eindeutigkeit nicht auch tieferliegende Spuren eines asymmetrischen Verhältnisses liegen können. Ein erneuter Rekurs auf Hegel gibt einen Hinweis, wenn dieser davon spricht, daß Sein und Nichts sich einerseits als Unmittelbarkeiten gegenüberstehen, womit die Isomorphie aufrecht erhalten werden kann. Andererseits aber sind Sein und Nichts auch vermittelt durch die Kategorie des Werdens. Danach gilt für Sein und Nichts als die Wahrheit nicht ihre Ununterschiedenheit, sondern daß sie nicht dasselbe, daß sie absolut unterschieden, aber ebenso getrennt und untrennbar sind und unmittelbar jedes in seinem Gegensatz verschwindet. Ihre Wahrheit ist also diese Bewegung des unmittelbaren Verschwindens des Einem in dem Anderen: das Werden; eine Bewegung, worin beide unterschieden sind, aber durch einen Unterschied, der sich unmittelbar aufgelöst hat."25 Sind Sein und Nichts somit einerseits als kontradiktorisch sich gegenseitig ausschließende Bereiche vollständig voneinander getrennt (unmittelbar), so fällt dieser Gegensatz in der Vermittlung des Werdens zusammen, wenn Sein und Nichts andererseits als koinzident beschrieben werden. Interessant nun ist die Hegelsche Bestimmung dieser Vermittlungsinstanz, die die Trennung und Vereinigung im gleichen Moment zu generieren vermag. Die Einheit, deren Momente, Sein und Nichts, als untrennbare sind, ist von ihnen selbst zugleich verschieden, so ein Drittes gegen sie, welches in seiner eigentümlichen Form das Werden ist."26 D.h. die Einheit, in der Sein und Nichts zur Deckung kommen, umfaßt sie beide und bleibt den beiden Sphären zugleich selbst äußerlich, Sein und Nichts sind Momente an der Einheit, deren Addition keinesfalls als Summe die Einheit ergibt. Damit aber ist ein weiterer Spielraum eröffnet, in dem Sein und Nichts sich gegeneinander verhalten können und der über das in der Unmittelbarkeit gegebene wechselseitige Umtauschverhältnis hinausgeht. Stehen sich Sein und Nichts innerhalb dieser Beziehung als Symmetrie isomorpher Größen gegenüber, so bildet sich via Vermittlung eine weitere Relation, nach der sich sowohl das Sein als auch das Nichts zu dem Dritten ins Verhältnis setzen können. Dieses Dritte aber ist selbst nichts anderes als die Einheit von Sein und Nichts, womit als neue Relation sich eine Beziehung ausmachen läßt, innerhalb derer sich jeweils ein Verhältnisglied zu der Beziehung beider Verhältnisglieder verhält, oder genauer, in der sich ein Verhältnisglied zu dem Verhältnis selbst verhält. Damit ist die Symmetrie, die auf der Basis einer undialektischen Relationstheorie sich in Form des wechselseitigen Umtausches manifestierte aufgebrochen. Eine dialektische Theorie der Relation muß aber zusätzlich feststellen, daß jedes Verhältnisglied, abgesehen von seiner Beziehung zum anderen, auch noch eine Relation zu dem Umtauschverhältnis selbst hat, das zwischen ihm selbst und dem anderen Relationsglied besteht."27 Ist auf diese Weise das Gleichgewicht der beiden Relationsseiten gestört, insofern nun auf der einen Seite das Sein (oder auch das Nichts) steht und auf der andern Seite jedoch die Umtauschrelation von Sein und Nichts, dann stellen in diesem Verhältnis die beiden Relationsglieder ein geordnetes Paar dar. Da sie nicht mehr aufeinander abbildbar sind, besitzt die Relation einen Richtungssinn."28

In relationslogischer Terminologie heißt dies nichts anderes, als daß zusätzlich zu dem Umtauschverhältnis, das zwischen Relator und Relatum besteht, nun ein Ordungsverhältnis zwischen einem Relator und der Relation markiert werden kann. Dabei stellt sich nun die Frage, wie sich dieses Ordnungsverhältnis konstituiert, oder anders, mithilfe welcher Operation sich der Übergang von einem Relator zu einer Relation vollziehen läßt. Im Fall der Umtauschrelation war dies problemlos, insofern mittels Negation der eine Bereich aus dem anderen hervorging. Damit ist aber gleichzeitig deutlich, daß diese Negation für den neuen Übergang ausscheidet, denn sie ist immer nur imstande, strukturell isomorphe Bereiche im endlosen Wechselspiel ineinander überzuführen. Was nun jedoch benötigt wird, ist eine Mechanismus, der strukturell asymmetrische Bereiche miteinander vermitteln kann, dies dergestalt, daß an die Stelle der ungeorndneten Symmetrie eine gerichtete Ordnung tritt. D.h. aber soviel, als daß die wechselseitige Alternative zugunsten eines neuen Themas als Ganze verworfen wird, womit eine Operation angesprochen ist, die im Rahmen der Reflexionslogik bereits in Erscheinung trat: die Transjunktion.29 Sie wurde im vorherigen Kapitel als neue Negationsform beschrieben und an dieser Stelle wird nun deutlich inwieweit dies seine Berechtigung hat, wenn darauf gesehen wird, daß Günther den Übergang zwischen zwei struktural geschlossenen Bereichen in Anlehnung an Hegels zweite Negation entwickelt. Denn ist es charakteristisch für die klassische erste Negation, daß durch ihre Anwendung nie und nirgends eine Anreicherung an kontextureller Struktur erfolgt", da sie immer nur strukturell isomorphe Bereiche ineinander überführt, so wird der Übergang von einer Kontexturalitätsstufe zur nächsten [...] durch Hegels zweite Negation besorgt."30 Die zweite Negation bricht also aus dem Wechselspiel aus, indem sie die Alternative als Ganze neu verortet, wenn diese nun selbst als Verhältnisglied einer neuen Relation erscheint. Und insofern dieses neue Relationsgefüge eine asymmetrische Diskontexturalität generiert, innerhalb derer sich eine einzelne Kontextur einer komplexeren Struktur gegenüber sieht, bedeutet dieser Übergang, den Günther unter dem Begriff der Transkontexturalität faßt, den Wechsel eines Strukturprinzips."31 Damit werden also an keiner Stelle die inhaltlichen Bestimmungen der Kontexturen durch die Transjunktion bzw. die zweite Negation verändert, denn die letztere hat ja nur die Aufgabe, einen neuen und reicheren Strukturzusammenhang an die Stelle des alten zu setzen. Dieser schließt zwar - als Sub-Struktur - die vorangehende Kontextur ein (Hegels `Aufheben' als Bewahren), aber diese Substruktur hat jetzt ihren universalen, alles-beherrschenden Kontexturcharakter verloren."32 Konkret heißt dies, daß die Alternative von Sein und Nichts, innerhalb derer die klassische bzw. erste Negation nur ein ständiges Vertauschen der beiden Seiten leistet, nun durch die Transjunktion bzw. zweite Negation als ganze verworfen wird, und zwar so, daß sie auf der einen Seite der neuen Alternative sich als Substruktur aufgehoben findet. Dies etwa in der Form, daß die vormals universale Alternative von Sein und Nichts jetzt als ein Verhältnisglied innerhalb der Relation von Irreflexivität und Reflexion erscheint. Damit wäre eine echte Transjunktionalität gegeben, denn über die bloße Diskontexturalität ist das Relationsgefüge nun asymmetrisch, wenn Reflexion (in anderes) als kontextural geschlossener Bereich sich zu Sein und Nichts, jetzt aufgehoben in der Kontextur der Irreflexivität, verhält. (Die Kontextur des Nichts ist nicht von der Kontextur des reflexionslosen Seins unterscheidbar."33) Dabei zeigt sich aber auch, daß die zweite Negation" in keiner Weise inhaltliche Permutationen innerhalb der nunmehr zur Substruktur transformierten Ausgangsalternative vollzieht, sondern nur die strukturellen Zusammenhänge gegebener Inhalte `verändert'", also das bis dato geltende logische Prinzip."34 Transkontexturalität ließe sich also mit ganz schlichten Worten als ein Übergang beschreiben, in dem das, was zuvor alles war, nun zu einem Teil einen umfassenderen Ganzen geworden ist. Damit aber erweist sich Transkontexturalität als gleichzeitige Realisation zweier Relationen. Dies ist erstens die Umtauschrelation zwischen zwei sich gegenseitig ausschließenden Elementarkontexturen; und zweitens die Relation, [...], die uns infolge ihrer Asymmetrie die Möglichkeit gibt, logisch rechts und links und damit ontologisch [hinsichtlich der Zeit] auch vorher und nachher zu unterscheiden."35 Dieses doppelt-relationale Gefüge wird also generiert durch zwei Negationen, wobei die erste, klassische Negation den Umtausch leistet, während die zweite", transklassische Negation das Ordnungsverhältnis herstellt, in dem sich eine Einzelkontextur asymmetrisch auf eine Struktur höherer Komplexität bezieht. D.h. es ist charakteristisch für Hegels zweite Negation, daß jede erneute Anwendung die Komplexität des Gesamtsystems erhöht. [...] Hegels berühmter Terminus `zweite Negation' ist also im Grunde genommen ein Sammelbegriff für eine Hierarchie von transklassischen Negationen von sich dauernd vergrößernder Reichweite."36

3.3.4 Verbundkontextur

Aus dem bisher Gesagten wurde deutlich, daß die Polykontexturalitätstheorie das Sein nicht als einen in sich geschlossenen, bruchlosen Bereich auffaßt, unter den sich die Gesamtheit alles Seienden qualitativ ununterschieden - eben als seiend - subsumieren ließe. Vielmehr zeigt sich das Universum durchzogen von einer Vielzahl von Diskontexturalitäten, womit sich strukturale Abbrüche zwischen den jeweils disjunkten Bereichen markieren lassen, die ein solch summarisches Aufaddieren verunmöglichen. Ich und Du sind auf ewig getrennte Bewußtseinsräume, deren immanente Reflexionsprozesse niemals von einem Subjekt identisch erlebt werden können, und wenn sich auch eine strukturale Identität feststellen läßt, so ändert das nicht daran, daß die Kontexturgrenze zwischen beiden bestehen bleibt. Im Gegenteil liefert erst die als Elementarkontextur begriffene Subjektivität, die struktural identisch über die manigfachen Bewußtseinsräume von Ich und Du distribuiert ist, den Grund, der, ohne auf die Hypostase eines universalen Subjekts angewiesen zu sein, die Übereinstimmung des Denkens in getrennten Subjektivitäten oder in der Übereinstimmung mit dem Gegenstand erklärt."37

Neben dieser diskontexturellen Trennung der Elementarkontexturen zeigte sich aber auch, daß diese nicht in völliger Isolation nebeneinander existieren, sondern unter gewissen Bedingungen auf bestimmte Weise miteinander ins Verhältnis treten. Als ein solches Verhältnis läßt sich beispielsweise die Transkontexturalität erkennen, innerhalb derer sich eine über das bloße Umtauschverhältnis hinausgehende Verbindung manifestiert, wenn die Elementarkontextur sich zu dem Verhältnis zweier Kontexturen in Beziehung setzt. Ist auf diese Weise nun ein Beziehungsgefüge zwischen den Kontexturen hergestellt, wobei dieser als Reflexionsprozeß interpretierbare Bezug die Kontexturen jedoch immer noch in Distanz zueinander hält, so wirft dies die Frage auf, ob sich nicht über die Transkontexturalität hinausgehende Verbindungen zwischen Kontexturen feststellen lassen, also ob sich Einzelkontexturen zu größeren Verbänden oder `transkontexturalen' Gruppen zusammenschließen können?"38

Die Antwort ist eindeutig positiv und es ist problemlos, sich eine solche Verbindung anhand der Elementarkontexturen von Ich, Du und Irreflexivität vorzustellen. Dies etwa dergestalt, daß zwei Subjekte in einen gemeinsamen Dialog über irgendein Thema treten, womit sich ein qualitativ neues Gefüge ergibt, d.h ein Gebilde, das seiner Struktur nach mehr ist, als die Summe seiner Teile. Denn es lassen sich Beziehungen feststellen, die zuvor nicht auftraten, wenn sich nun beide Dialogpartner sowohl aufeinander als auch auf den gemeinsamen Gegenstand beziehen. Damit aber ist es nicht nur sinnvoll, sondern notwendig, zweiwertige `Elementar-Kontexturen' von komplexeren strukturellen Gebilden zu unterscheiden, die wir `Verbund-kontextur' nennen wollen."39 Es erhebt sich aber dann an dieser Stelle zwangsläufig die Frage, auf welchem Wege sich Elementarkontexturen zu komplexeren transkontexturalen Gruppen zusammenschließen, oder anders, auf welche Weise sich die Vermittlung zwischen ihnen vollzieht. Dabei kann in einer ersten, negativen Bestimmung zunächst die Möglichkeit ausgeschlossen werden, daß diese Vermittlung von einer externen" Instanz geleistet wird, die von außen, als Medium zwischen den beiden Subjekten und dem Objekt positioniert, diesen Prozeß initiiert. Das deswegen nicht, weil damit sogleich die Frage entstünde, wie die Kontexturen und das Vermittlungsmedium selber wieder zu vermitteln seien, damit also das Problem auf eine höhere Ebene verschoben würde. Das bedeutet aber umgekehrt, daß die Vermittlung von den Kontexturen selbst geleistet werden muß. Um dies zu erhellen, soll noch einmal die dem gegebenen Beispiel zugrundeliegende Reflexionssituation skizziert werden. Zwei Iche `A' und `B' beziehen sich im Denken auf ein Objekt `X'. Schon die platonische Ideenlehre stellt fest, daß dann die Relation `A Æ X', `B Æ X' identisch ist. [...] Behaupten wir aber, daß ein logisch relevanter Unterschied zwischen `Ich' und `Du' existiert, dann gibt es noch eine weitere theoretische Relation, nämlich die von `A Æ B'. Und ganz wie die Umtauschrelation von `X' zu den Ichen theoretisch durch eine Negation bestimmt wird, so muß jetzt das Wechselverhältnis von `A Æ B' durch eine zweite Negation festgelegt werden. Denn `A' ist offenkundig nicht `B'. Jenes `nicht' aber hat notwendig eine ganz andere logische Bedeutung als die, daß `A' und `B' nicht `X' sind. Die Existenz von zwei Negationsoperatoren erzwingt dann den Übergang zur dreiwertigen Theorie des Denkens."40 Dreiwertigkeit aber nicht auf die Weise, daß der dritte Wert im Sinne eine feineren Wahrscheinlichkeits- oder Modalitätsunterscheidung zwischen den ursprünglichen Werten angesiedelt ist. (also: 0....1/2....1) Eine solche Mehrwertigkeit, die zum einen keinen echten" neuen Wert liefert, und die zum anderen nicht in der Lage ist zu erklären, warum sie bei dem einen neu eingeführten Wert haltmacht, und nicht vielmehr eine infinitesimale Weiterteilung bedeutet (also: 0....1/4....1/2....3/4....1, usw.), nennt Günther intra-klassisch"41. Im Gegensatz dazu positioniert die transklassische Mehrwertigkeit der dritten Wert außerhalb der Alternative von 0 und 1, und damit jenseits der Polarität von positiv und negativ, als die sie interpretiert werden kann. Aber: Um keine Mißverständnisse entstehen zu lassen, sei nochmals ausdrücklichst zugegeben: alles aktuelle, von einem realen, vorstellbaren Subjekt durchgeführte Denken ist immer und ewig zweiwertig! Wir können uns einfach kein Ich vorstellen, dessen Reflexion nicht der urphänomenale zweiwertige Gegensatz von Denken und Denkgegenstand als logische Formalstruktur zu Grunde liegt."42 Damit wird dem Phänomen Rechnung getragen, daß als die strukturelle Geschlossenheit der Elementarkontextur hinreichend bekannt ist, denn letzteres bedeutet nichts anderes, als die intrakontexturelle Gültigkeit der klassischen Logik. Ist also die trinitarische Axiomatik der klassischen Logik innerhalb einer Kontextur vollständig gültig, dann ist eine mehrwertige Logik in dem von Günther intendierten Sinn nichts anderes als ein System, das uns erlaubt, unserer einzigen `wirklichen' Logik verschiedene Stellenwerte im System des Bewußtseins derart zu geben, daß jeder Stellenwert mit einer verschiedenen semantischen Bedeutung des sich so wiederholenden zweiwertigen Kalküls verbunden ist."43 Hinsichtlich des Problems der Vermittlung erlaubt nun die Mehrwertigkeit in einem ersten Schritt zu erklären, inwiefern die Vermittlung nicht von außen, sondern von den Kontexturen selbst geleistet werden kann, wenn transklassische Mehrwertigkeit bedeutet, daß wir ein und dieselbe zweiwertige Logik auf verschiedene Bewußtseinsstufen anwenden können und daß diese verschiedenen Anwendungen nicht isolierte Phänomene sind, sondern in gegenseitiger Abhängigkeit sich befinden."44 Dies auf dem Weg, daß nun, da die neuen Werte nicht mehr intra-klassisch zwischen der mittels klassischer Negation als Umtauschverhältnis strukturierten Alternative von Position und gesamter klassischer Negation angesiedelt sind, sondern sich jenseits davon befinden, diese neuen Werte nun nicht mehr dazu diesen, den Unterschied von absolut wahr und absolut falsch zu relativieren, sondern um neue zweiwertige Kontexturen an die klassische Original-Kontextur anzuschließen."45

Was das bedeutet und wie sich dies vollzieht, soll auf der Kontrastfolie der klassischen Logik dargestellt werden. Dort findet sich die Negationstafel, die Werte 1 und 2 als positiv und negativ interpretiert und mithilfe der Negation in ein Umtauschverhältnis überführt.

p Np

1 2

2 1

Da die klassische Logik nur einen einzigen Negationsoperator besitzt, führt die erneute Anwendung der Negation, wieder zur ursprüglichen Position zurück.

p Np N(Np)

1 2     1

2 1     2

Damit zeigt sich formal die intrakontexturelle Zweiwertigkeit, die auf dem Boden der klassischen Logik nicht in der Lage ist, einer Kontextur einen größeren strukturellen Rahmen zu verleihen, da sie in diesem Wechselspiel des Umtausches gefangen bleibt. Darüberhinaus geht aus dieser Tafel in keiner Weise hervor, um welche der oben angeführten Kontexturen es sich handelt. D.h. die klassische Negationstafel ist gegen eine Unterscheidung von Ich, Du und Irreflexivität vollständig indifferent, sie beschreibt allein das Funktionieren der Negation, wo diese Prozesse stattfinden ist nicht ersichtlich. Wurde aber oben davon gesprochen, daß zwischen Ich und Du ein logisch relevanter Unterschied besteht, und daß die Beziehung der beiden Subjekte untereinander verschieden ist von der, die sie zur Umwelt unterhalten, dann lassen sich also zwischen den drei Entitäten zwei qualitativ verschiedene Beziehungen erkennen. Zum einen ist dies das Verhältnis, das die beiden Subjekte zur Umwelt haben, zum anderen das wechselseitige zwischen Ich und Du. Wenn nun in einem weiteren Schritt die mehrwertige Logik transklassischer Provinienz ein System bedeutet, daß erlaubt die zweiwertige Logik an verschieden Stellen zu verorten, dann ergibt sich für ein dreiwertiges System zunächst

p N1p

1    2

2    1

sowie für das Wertpaar 2 und 3

p N2p

2    3

3    2

D.h. an beiden Stellen ist die klassische Logik intrakontexturell gültig. Schreibt man beide Tafeln in ein Gesamttafel so ergibt sich folgendes Bild.

p N1p N2p N2.1p N1.2p N2.1.2p

1  2      1     2       3      3

2 1       3     3       1       2

3 3        2     1       2      1

Dabei zeigt sich also, daß die klassische Negationstafel wieder auftaucht und daß sich das Umtauschverhältnis von Position und Negation als basales Muster an den übrigen Stellen jeweils wiederholt. Hier wird nun deutlich inwieweit Mehrwertigkeit sich als negationales System nicht mit nur einem Negationsoperator begnügen kann, denn dieser würde den dritten Wert unberührt lassen. Insofern die zweite Negation aber jenseits der ursprünglichen Alternative arbeitet, ergeben sich zwei direkte Umtauschverhältnisse zwischen

1 2

und

2 3,

sowie ein drittes, vermitteltes Umtauschverhältnis zwischen

1 3.

Dem entspricht aber nun in ontologischer Interpretation der Fall dreier geschlossener Elementarkontexturen, die sowohl intrakontexturell zweiwertig organisiert, als auch untereinander vermittelt sind. Anders ausgedrückt besteht die einfachste Form einer Verbund-Kontextur also aus drei Elementarkontexturen. Man kann aber auch sagen, daß eine Verbund-Kontextur ein mehrmaliges, relativ unabhängiges Auftreten der klassischen Logik an verschiedenen ontologischen `Wertstellen' bedeutet."46 Auf das angeführte Beispiel des Dialogs ist dieses Schema, nach dem der Wert 2 die vermittelnde Rolle zwischen 1 und 3 übernimmt, nun leicht zu transferieren, wenn darauf gesehen wird, daß die Irreflexivität nicht nur als gemeinsames Thema fungiert, sondern auch als die gemeinsame Umwelt auftritt, in der sich die beiden Subjekte begegnen. Der unlösliche Nexus von Negation und Vermittlung findet sich sehr klar bei Rudolf Kaehr zusammengefaßt, wenn dort die transklassische Logik beschrieben wird als ein multinegationales System. Im Gegensatz zu den verschiedenen orthodoxen mehrwertigen Negationen, die intrakontextural definiert sind, bilden die polykontexturalen Negationen einen Vermittlungszusammenhang zwischen verschiedenen Kontexturen. Jede einzelne Kontextur besitzt ihre eigene Negation. Da die Kontexturen transkontexturell vermittelt sind, produziert die Negation in einem System die Permutation der anderen Systeme. In der zweiwertigen Logik fällt die Negation mit der Permutation zusammen. Isoliert betrachtet bilden die verschiedenen Negationen einen Isomorphismus: N1 = N2 = N3... Als Ganzes bilden sie eine Permutationsgruppe, die Eigenschaften besitzt, die der Struktur der klassischen Negation fremd sind."47 Das Problem der Verbundkontextur stellt sich somit als Vermittlungsproblem dar, wobei diese Vermittlung auf dem Boden der klassischen, mit nur einem Negationsoperator ausgestatteten Logik nicht vollziehbar ist. Erst die zweite Negation (Hegels), die jenseits der ursprünglichen Alternative operiert, indem sie diese verwirft, leistet diese Vermittlung zwischen den Kontexturen. D.h. in allen [Kontexturen] gilt die klassische Logik lokal. Aber die klassische Logik nicht für den trans-kontexturellen Übergang von einer gegebenen ontologisch-kontexturellen Lokalität zur nächsten."48 Für die der Stellenwertlogik zugrundeliegende Ontologie, die Polykontexturalitätstheorie, ist also das Gesamt der Wirklichkeit nicht als eine einheitliche Elementarkontextur zu verstehen, sondern als ein unendliches System sich gegenseitig komplementierender und durchdringender Elementarkontexturen, die sich zu höheren strukturellen Einheiten zusammenfassen, die wir Verbund-Kontexturen genannt haben. Die Welt hat unendlich viele ontologische Orte, und in jedem ist sie, wenn derselbe isoliert betrachtet wird, durch ein zweiwertiges System darstellbar. Eine Koexistenz dieser Orte aber kann nur in einem mehrwertigen System beschrieben werden".49

In diesem Kapitel wurden einige zentrale Begriffe der Güntherschen Polykontexturalitätstheorie etwas eingehender untersucht, wobei sich diese terminologische Durchsicht nicht als hermeneutischer Selbstzweck versteht, sondern quasi postum die theoretische Genese und Verankerung einiger Eckpfeiler der Theorie nachzuzeichnen sucht, die in ihrem Wirkmechanismus bereits in den vorherigen Kapiteln zum tragen kamen. Insofern fiel die Auswahl, und eine solche kann es in bescheidenem Maße immer nur sein, auch nicht zufällig aus, sondern bemühte sich, thematisch das einzugrenzen, was innerhalb des hier verfolgten Rahmens von besonderer Relevanz ist. D.h. in diesem Kapitel sollte der systematische Rahmen detailliert erörtert werden, innerhalb dessen sich die oben dargestellten Analysen von Subjektivität, Reflexion und Technik ereigneten, bzw. galt es das implizit bereits immer verwendete Instrumentarium in seinem Entstehungshorizont zu verorten.

Andererseits zeigt von hier aus ein Blick etwa auf die zuvor beschriebenen technischen Produktionsprozesse, inwieweit die Applikation des Güntherschen Ansatzes, die Welt pluriversal" als komplementär vermitteltes Gefüge strukturaler Komplizität und Komplexität zu begreifen, diesen nicht als subtil-philosophisches Gespinst, sondern als das gerade im Bereich der Technik dringend benötigte Beschreibungs- und Reformierunsparadigma erweist.

1Hier Anmerkung von Kopie einfügen!!!!!!!!!!!!!!!!!!
2G. Günther: Beiträge II, S.182
3G. Günther: Beiträge III, S.140
4G. Günther: Beiträge I, S.198
5G. Günther: Beiträge II, S.149
6G. Günther: Beiträge III, S.140
7G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik. Hrsg.v.G. Lasson, Leipzig 1923, Teil 1, S.66f. vgl. Günther: BdI, S.78
8ebd.
9G. Günther: Beiträge III, S.239
10G. Günther: Beiträge II, S.187f
11a.a.O., S.188
12ebd.
13G. Günther: Beiträge III, S.187f
14a.a.O., S.189
15G. Günther: Beiträge II, S.305
16G. Günther: Beiträge III, S.193
17a.a.O., S.188
18a.a.O., S.86
19a.a.O., S.85
20a.a.O., S.87
21ebd.
22a.a.O., S.191
23ebd.
24ebd. Hervorhebung im Original.
25G.W.F. Hegel: a.a.O., S.67
26a.a.O., S.79
27G. Günther: Beiträge III, S.194
28ebd.
29vgl. a.a.O., S.201
30a.a.O., S.195
31a.a.O., S.189
32ebd.
33a.a.O., S.189
34a.a.O., S.190
35a.a.O., S.195
36ebd.
37G. Günther: Beiträge II, S.191
38ebd.
39ebd.
40G. Günther: Beiträge I, S.27
41G. Günther: Beiträge II, S.184
42a.a.O., S.173
43a.a.O., S.174
44ebd.
45G. Günther: Beiträge II, S.192
46a.a.O., S.192
47R. Kaehr: Materialien. S.58f
48G. Günther: Beiträge III, S.200
49G. Günther: Beiträge II, S199. Hervorhebung im Original.


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