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Chiasmus als Forschungsstrategie


In der Proömik (proemial relationship) bzw. im Chiasmus sind die Schritte der Ablösung vom logozentristischen Weltbild, die Negation (Rejektion) und die Dissemination, bzw. Verwerfung und Vermassung aufgehoben und realisiert. Negation und Dissemination zeigen den Weg der Ablösung, die Proömik beschreibt die Funktionsweise, den Mechanismus des neuen Weltmodells als Resultat dieser komplexen Ablösung.

Der Chiasmus bzw. die Proemialrelation ist nach Gotthard Günther eine viergliedrige Relation, ein Wechselspiel zwischen Ordnungs- und Umtauschrelation, die jeglicher Relationalität vorangeht. Der Chiasmus gibt an, wie die Dissemination und die Rejektion von Dichotomien realisiert wird, er ist deren Mechanismus. Die chiastische Verteilung (Distribution) von Gegensätzen und Gegenläufigkeiten ist die Explikation der Dissemination in der Vielheit ihrer irreduziblen Bedeutungen.

Der Chiasmus besteht - weiter untersucht - aus einer Ordnungs-, einer Umtausch- und einer Koinzidenz-Relation und den Orten über die er verteilt wird.

- Die Ordnungsrelation regelt das Verhältnis zwischen Operator und Operand;

- die Umtauschrelation den (Rang)Wechsel zwischen Operator und Operand;

- die Koinzidenzrelation garantiert die kategoriale Zusammengehörigkeit (Koinzidenz)       der Relationen und ihrer Objekte (Operator, Operand) über strukturelle Distanzen       bzw. Obstakel;

- die Orte zeigen die Dissemination der Relationen bzw. Operationen an.

Der vollständige Chiasmus ist somit formal definiert durch das Tupel:

CHIASMUS = <Ordnung, Umtausch, Koinzidenz, Ort> bzgl. passender Objekte.
1. Polykontexturale Logik und Chiasmus

Eine Modellierung dieser Vierer-Struktur durch die Polykontexturale Logik wäre nicht nötig, würde es sich beim Chiasmus und seiner Fragetechnik (DIAOND) einzig um ein Modell handeln, das auf Aussagen und ihre logischen Wahrheitswerte bezogen wäre. Dann wäre eine Modellierung im Sprachrahmen der klassischen bivalenten Aussagenlogik mit ihrer singulären Negation und ihren Junktoren das adäquate Vorgehen.

Aussagenlogisch aber auch umgangssprachlich entspricht allgemein:

Der Konjunktion (p et q): - sowohl p als auch q", umschrieben mit nicht nur - sondern auch -", (engl. both - and -), auch: Akzeption im Gegensatz zu Rejektion. Logisch heißt dies: (p et q) ist genau dann wahr, wenn sowohl p als auch q wahr ist, sonst falsch.

Der Rejektion (non-p et non-q: - weder p noch q" ), Sheffersche bzw. Nicodsche Funktion, umschrieben mit (Genau) Keins (von beiden), d.h. 'das eine nicht und das andere nicht.' (engl. neither - nor -), (frnz. ni - ni -). Logisch heißt dies: (non-p et non-q) ist genau dann wahr, wenn beide, non-p und non-q, falsch sind. D.h. sowohl Konjunktion wie Rejektion akzeptieren die angebotenen Wahrheitswerte. (s. Döhmann, 1974)

Die aussagenlogische Modellierung operiert mit der Negation und den Junktoren von Wahrheitswerten. Die Wahrheitswertemenge als solche bleibt bei diesen Aktionen, Modellierung der Rejektion etwa, unberührt. Denn jede noch so komplizierte zusammengesetzte aussagenlogische Formel erhält ihre semantische Deutung auf der Basis der Wahrheitswertemenge, hier {wahr, falsch}. Da die klassische Aussagenlogik nur die zwei Wahrheitswerte wahr und falsch kennt, bleibt ihr kein anderer Spielraum als eben der ihrer Wahrheitswertemenge, daher ist er ihr semantisches Fundament, ihre funktionale Basis und wird durch keine logische Operation verworfen (rejeziert), sondern immer akzeptiert.

Die polykontexturale Logik der Verwerfung dagegen verwirft das Wertepaar als solches und verläßt damit den wahrheitslogischen Bereich. Die Dissemination verteilt eine Vielheit von Wahrheitswertepaaren über verschiedene Orte. Die Orte selbst sind Orte für Wertepaare und nicht selbst als Werte definiert. S.a. §10 Zur Polykontexturalitätstheorie

2. Formale Vervollständigung, Exhaustion des Chiasmus

Sind bis dahin die Chiasmen im allgemeinen als vollständige vorausgesetzt worden, so läßt sich nun eine Strategie und eine entsprechende Fragetechnik einführen, die ausgehend von unvollständigen Chiasmen zu deren Vervollständigung führt (Ergänzungs- bzw. Exhaustions-technik).

Wenn z.B. ein gegenläufiger Prozeß mit zwei Ordnungsrelationen und zwei dazu passenden Umtauschrelationen gegeben ist, dann läßt sich nach den dazu passenden Koinzidenzrelationen suchen, d.h. nach der konkreten Bestimmung der kategorialen Gleichheit der distribuierten Objekte. Selbst wenn nur eine Relation bzw. Operation z.B. eine Ordnungsrelation gegeben ist, läßt sich sukzessive nach ihrer Vervollständigung zum Chiasmus fragen. Dies geschieht dadurch, daß nach der Umgebung, dem Kontext einer Operation gefragt wird. Dies wiederum läßt sich als Dualisierung oder sonst eine DiamondStrategie vornehmen. Der Kontext, als Bedingung der Möglichkeit einer Operation ist selbt außerhalb dieser Operation und ihres Wirkungsbereiches. Dieser neue Kontext ist selbst wiederum strukturiert durch andere Relationen und Operationen; diese sind aufzuzeigen, zu entdecken.

3. Fragetechniken zur Vervollständigung des Chiasmus

Wie hängen die Operatoren (Operanden) der verteilten Systeme zusammen? Welche Zwischenstufen müssen eingeführt werden, damit das Ganze einen geistig und psychisch nachvollziehbaren Sinn ergibt? Geht man von einem naiv-kybernetischen Modell der Welt aus, dann drängt sich leicht das Theorem der Vernetztheit der Welt auf (Alles ist miteinander vernetzt.). Die Klärung des Zusammenhangs, der nicht einfach vorausgesetzt werden kann, ist im chiastischen Modell verbunden mit der Konkretisierung der Koinzidenzrelation, d.h. mit der konkreten, für die Situation und den Kontext geltenden kategorialen Gleichheit(en) zwischen den Objekten. Sind diese konstruiert, so ist der geltende Zusammenhang, die Vernetzung etabliert - vorher nicht. Es wird also nicht naiv postuliert, daß (eh) alles (je schon) miteinander vernetzt ist noch miteinander vernetzt werden kann. Zudem können für eine Konstellation, je nach Interpretationsstandpunkt, eine Fülle von kategorialen Zusammenhängen konstruiert werden.

Wie weit liegen Gegensätze auseinander? Je Kontext ist die Distanz völlig verschieden. Für gelingende Kommunikation und Verständigung müßte diese Frage, zumindest im Hintergrund, geklärt bzw. klärbar sein.

4. Kanten und Knoten

Das eine Modell fokussiert vorerst die Kanten: der Chiasmus. Das andere auf die Knoten: der Diamond. Dies gilt jedoch nur in erster Hinsicht. Im Vollzug sind immer beide Sichtweisen, die Kanten wie die Knoten, aktiv.

Wichtig ist festzuhalten, daß mit der Zahl 4 die Übereinstimmung der Zahl der Knoten mit der Anzahl der Kanten verlassen wird. Den vier Knoten entsprechen 6 Kanten.

Der Chiasmus wird in der Tradition ja auch von den Knoten her gedacht: Überkreuzstellung von zwei Begriffspaaren, Chi entsprechen zwei Kanten mit je zwei Knoten.

Da es im Chiasmus keinen Anfang, keinen ausgezeichneten Punkt gibt, muß er von jedem möglichen immanenten Standpunkt aus beschrieben werden. Erst die vollständige immanente Deskription des Chiasmus zeigt seine volle Funktionsweise auf.



ThinkArt Lab

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